27/11/2020

MARVIN GAYE: tempo rausgenommen

Als ich letztens Nachts aufwachte und nicht mehr einschlafen konnte und kurze Zeit später auch nicht mehr einschlafen wollte, überlegte ich mir, welche Musik ich jetzt denn mal hören könnte, um die Zeit zu überbrücken und es mir nicht so langweilig werden zu lassen.

Mir kam “What’s Going On” von Marvin Gaye in den Sinn, warum weiß ich nicht, denn ich schätze das Album zwar, war aber nie der ganz große Fan. Ich fingerte im Dunkeln das Album aus der Sammlung, legte die Kopfhörer auf und wunderte mich mal wieder, wie es Marvin Gaye schaffen konnte, dem an Hit-Singles geschulten Berry Gordy diesen komplexen, politisch aufgeladenen, musikalisch vorbildlosen Meister-Klops unterzujubeln.

Ich hörte und verstand plötzlich den Fluss dieses Albums als ein langsames Insistieren an die Vernunft und das Herz. Ich hatte das Gefühl, Marvin Gaye hat mit Absicht die Musik verlangsamt und verkompliziert, um die Hörer daran zu hindern, über die Inhalte hinwegzutanzen. Die Texte wiederum hat er dann recht einfach gehalten, damit jeder sie verstehen konnte. Es sagt mir praktisch immer noch: “Bleib stehen und schau, was gerade passiert”.

Eigentlich hätte das Album ein Flop werden müssen. Es wurde stattdessen die Motown-Platte, die sich bis dahin am besten verkaufte.

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