04/12/2020

SIBYLLE BAIER wenn alles schläft

SIBYLLE BAIER  colour green (VÖ 2006)

Die Geschichte hinter der Musik dürfte einigen bekannt sein: Nach
getaner Arbeit, nachdem das Kind zu Bett gebracht, der Mann ins Bett
gegangen ist, setzt sich Sibylle Baier an Tonband und Mikro und
flüstert ihre selbstgeschriebenen Songs zur Akustikgitarre. Anfang
der 1970er Jahre entstehen so 14 Songs. Veröffentlicht werden sie
nie, nur als Cassette verteilt an ein paar Freunde und Verwandte.
Jahrzehnte später entdeckt der Sohn die Bänder, stellt sie J.
Mascis vor, der gibt sie weiter an ein befreundetes Label, welches
sie 2006 veröffentlicht.

Wir hören sehr zarten Folk, Reflektionen übers Alltagsleben,
über Liebe, Freunde, Wim Wenders (Sibylle Baier tritt kurz in dessen
„Alice in den Städten“ auf). Sibylle Baier singt englisch mit
deutschem Akzent, was ihr in englischsprachigen Reviews Vergleiche
mit Nico eingebracht hat. Vielleicht, weil zarte, aber nicht auf
Mädchen machende Singstimmen überschaubaren Umfangs immer irgendwie
für das ungeübte, fremdsprachige Ohr wie Nico klingen. Sibylle Baier
singt aber leichter, selbst wenn es schwer wird in den Songs. Sie
klingt dann manchmal wie eine selbstreflexive Astrud Gilberto. Musik
und Stimme und Texte bilden eine sehr spezielle Einheit, obwohl hier
absolut nichts neu erfunden wird. Diese spezielle Einheit empfinde
ich selten. Das Setting der Songs ist so intim, dass ich mich
manchmal unwohl und deplatziert fühle, ihnen zuhören zu dürfen.
Wie ein klobiges, fast schon übergriffiges Eindringen in die
Privatsphäre wirkt es dann sogar, als auf dem letzten der 14 Stücke
plötzlich ein kleines Streicherensemble untergemischt wird. Es
erstaunt mich immer wieder, wie es möglich ist, mit so wenig Aufwand
an Mitteln so viel zu bewegen.

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