01/02/2023

BJÖRK fossora

Diesmal hat mich Björk mit Fossora sehr abgeholt. Sie erdet sich buchstäblich auf und im Untergrund. Auf die federnde Art, die tänzerische Bewegungen erlaubt, lässt sie sich filigran von besonderen Kulturen tragen und bewegen, nämlich von Pilzkulturen. Die ihr ganz eigenes, spezielles Pilzleben leben. Seltsame Zustände annehmen, diverse Geschlechter bis zur Verwirrungsgrenze ineinander übergehen lassen können (und damit Geschlechter quasi undiskriminierbar machen), plötzlich über Nacht aufploppen, ihre Poren in den Wind geben, um dann wieder unter die Erde zu verschwinden, wo sie weiter ihr seltsam verwobenes kulturelles Treiben treiben. In dieser björkschen Fungal City wird sich mittels tief gelegten Holzbläsern, Streichermyzelien und Sporen aus Chören unterhalten. Erdtrolle bedienen Mixing-Boards, mischen Gabba-Beats über Bassklarinetten und tragen pilzige Verflechtungsbotschaften weiter in unsere Welt.

Man muss diese Pilzmetapher-Sache vielleicht nicht überstrapazieren, aber ich finde, in ihr hat sie vieles künstlerisch gut umgesetzt. Die Beschäftigung mit Vorfahren (Tod der Mutter) und Nachkommen, die größere Klammer (Verbundenheit/Verbindungen suchen), das Ganze dann auch auf Netzidentitäten ausdehnend, Ovum und Ovarium als durchblutete, matriarchalische Geste, und die Umsetzung in einem zeitgenössischen Mix aus bassigen Blasinstrumenten, Streichern, Stimmen (aus dem Jetzt, aus dem Davor, aus dem Danach), Elektronik, Beats. Einiges an Dunkelheit kommt zusammen – kein Wunder bei dem myzelischen Setting – und driftige Passagen, die eher narrativen Charakter haben, sind gute Gradmesser für die eigenen Aufmerksamkeitssdefizite. Trotzdem ist Fossora ein Album, das leuchtet wie Björks illuminierte Haarpracht auf dem Cover, die aussieht wie eine Mischung aus fluoreszierenden Sporenfarben und einer Pusteblume. Ein lustiges Album, das keinen einzigen Witz erzählt, aber in Konkurrenzbeziehungen denkenden Menschentieren ein paar Probleme bereiten wird, so sehr wird hier verbunden: Vom gläsernen Ovum zur Ovulation digitaler Selbste, untererdig und ebenerdig, von Ahnen zu Nachfolgenden. Und so unheimlich es manchmal auch scheinen mag, was da aus der Erde kriecht, ist Björk hier ein schwirrendes, optimistisches Werk gelungen, das um Zusammenarbeit bittet, ohne leichte Antworten parat zu haben. Modern Prog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert