2024-06-14

FISCHHANDLUNG KÜNNEMANN alltagspsychedelik

Dass man in Kiel in einer Fischhandlung erfeuliche CD-Fänge machen kann, verwundert vielleicht Ortsunkundige. Kielkundige dagegen wissen, dass die Fischhandlung Künnemann freundschaftlich verbandelt ist mit dem dienstältesten Plattenladen Kiels, der sich nach einem ollen Stones-Album benannt hat (und ebenfalls freundschaftlich verbandelt ist mit einer ebenfalls sehr eingesessenen Kneipe, die sich nach einer Maya-Stadt benannt hat, bzw. die sich eigentlich nach der Vorgängerkneipe benannt hat, die sich nach einer Maya-Stadt benannt hat, und über der ich zufällig mal in den 80er Jahren ein WG-Zimmer bezog).

Trotz der in diesem Fall nicht ganz abwegigen Verbindung von Fisch- und Recordstore habe ich allerdings noch nie ein kleines Beistelltischchen mit CDs und einer handvoll Bücher vor der Fischhandlung Künnemann aufgebaut gesehen, bis ich es vor ein paar Tagen aus den Augenwinkeln tat. Und ich muss es wissen, denn ich gehe mehrmals pro Woche an dem Laden vorbei. Ich schenkte dem Tischchen keine Beachtung, lief mehrmals vorbei, andere Ziele im Kopf, die sich um Dinkellandbrote, Sojaquarkersatz, Hafermilch und Belana-Biokartoffeln drehten. Außerdem war ich schon seit Jahren nicht mehr in dem besagten fischhandlungsverbandelten Plattenladen, der sich nach einem ollen Stones-Album benannt hat, weil die Platten dort immer so hoffnungslos verqualmt gerochen haben. Verqualmt, nicht geräuchert, denn dort wurde kein Fisch verkauft.

Anders als in dem plattenladenverbandelten Fischladen, wo sowohl Fisch verkauft, als auch offenbar seit Neuestem CDs für einen Euro verhökert werden. Man sieht ja häufiger mal ein paar CDs am Straßenrand stehen und geht achtlos daran vorbei, weil man weiß, es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Schrott, den man noch nicht mal gratis mitnehmen würde. Wühlen lohnt da nicht, schon gar nicht bei CDs. Sowas rührt man nicht an. Tat ich dann aber doch, auf dem Rückweg mit Dinkellandbrot, Sojaquarkersatz, Hafermilch und Belana-Biokartoffeln schwer bepackt, aber dann doch neugierig genug, wenigstens einen kleinen Blick zu riskieren, ohne zu ahnen, Minuten später aus einer Kieler Fischhandlung mit den Worten “Heute Abend dann Os Mutantes hören!” verabschiedet zu werden.

Denn zu meiner Überraschung wurde der kurze Blick in die kleinen CD-Reihen auf dem Tischchen reichlich belohnt. Als ich am Schauen war und die erste Os Mutantes zu fassen bekam, lief Herr Künnemann aus dem Laden auf das Tischchen zu – er hatte mich wohl durch die Glasscheibe beobachtet – und suchte schweigend für mich noch eine weitere CD der Os Mutantes heraus, und zwar ihr Reunion-Konzert 2006 in London. Die Reunion würde mich aber nicht so interessieren, musste ich ihm leider erklären, ich mag besonders gerne die ersten beiden Alben von ihnen. Das verstand er, ging zurück in den Laden und kam nach einer Minute dann tatsächlich mit der zweiten Os Mutantes zurück. Im Laden wäre noch ein kleiner Stapel CDs.

Das Ende vom Lied: Ich ging mit 10 CDs (von Red Krayola und Slapp Happy über Betty Davis bis zu Pylon, Spiritualized, Dälek, Sigur Rós und Six Organs Of Admittance), dazu nahm ich noch ein Buch mit (David Toop, „Ocean Of Sound – Klang, Geräusch, Stille“) und zahlte für alles zusammen 12 Euro. Master Künnemann schob mir noch eine Gratis-Fischfrikadelle über den Tresen („Mal werden sie uns aus den Händen gerissen, mal bleiben sie liegen, man kann sich auf NICHTS mehr verlassen!“). Der Talk führte dann zum Heizungsgesetz, weil alle Talks momentan nun mal zum Heizungsgesetz führen.

Das war eine schöne, kleine, unerwartete, alltagspsychedelische Erfahrung. Abends hörte ich dann aber doch nicht die Os Mutantes, sondern Sigur Rós.

addendum: Ein paar Tage später kamen noch 7 CDs für 7,50€ dazu. In neuer Verbundenheit zur Fischhandlung Künnemann habe ich zwei Fischfrikadellen mitgenommen, diesmal aber bezahlt.

4 Gedanken zu “FISCHHANDLUNG KÜNNEMANN alltagspsychedelik

      1. Einfach nur den Satz “schöne Geschichte, aber leider ausgedacht” umgedreht…
        Ist natürlich SUPER!!

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