25/11/2020

John Lennon: Konzepte um den Schmerz zu messen

John Lennon/Plastic Ono Band 1970 Als sich die Beatles trennten, musste sich John Lennon noch eine ganze Weile mit den sehr präsenten Energien und Auswirkungen auseinandersetzen, die nach wie vor an seiner Verfassung zerrten. Er versuchte, diese Zeit totalen und irrealen Irrsinns zu reflektieren und hinter sich zu lassen. Denn schließlich erfuhr die erste Jungs-Band aller Jungs-Bands alles, was später noch viele andere Jungs-Bands erfahren sollten, nur dass die Beatles es um einige Potenzen extremer durchmachen mussten: Zusammen durchlebten sie entscheidende, intensive Dinge ihrer Jugend in einer Gruppe junger Männer, die für alle Beteiligten völlig selbstverständlich das Wichtigste auf der Welt war, fickten ein bisschen rum, erlebten Spannungen und kreative Höhenflüge, schließlich eine Verlagerung der Interessen, ein Aufbrechen des Gruppengefüges, Menschen ausserhalb des Inneren Kreises wurden wichtiger (Yoko Ono, Maharishi, Linda McCartney), schliesslich trennte man sich in einem mehr oder weniger langen und mehr oder weniger schmerzhaften Prozess – und da dieser Prozess bei den Beatles in einer bis dahin beispiellosen, monströs aufgeblasenen Version unter den Augen der Weltöffentlichkeit stattfand, war die Trennung sicher eher mehr als weniger schmerzhaft. Es ist nur folgerichtig, dass sich ein sensibler, im Kern unsicherer Mensch wie Lennon nicht mit naivem Kinderpop davon ablenken konnte (wie es McCartney mit seiner ersten Single nach dem Split – „Hi Hi Hi“ – tat), sondern zu reflektieren versuchte, was geschehen war und wie es ihm gelingen könnte, herauszubekommen, wer eigentlich wirklich John Lennon war, wenn er sich nicht hinter einem Walross versteckte, cookoo-ki-chuup. Zusätzlich hatte Lennon in dieser Zeit noch Trennungen von ganz anderem Kaliber zu verarbeiten, die weit in seine Kindheit zurückreichten. Seine Eltern gaben den kleinen John sehr früh in die Obhut seiner Tante, bei der er aufwuchs. Den Verlust seiner Eltern versuchte er in der Zeit des Beatles-Splits psychotherapeutisch zu bewältigen. Dabei griff er auch auf die Urschrei-Therapie von Janov zurück. Dieser Weg an die Basis seiner Ängste und seines Ichs beeinflusste auch die Arbeit an seinem ersten Solo-Album „John Lennon/Plastic Ono Band“. John Lennon strippte alles runter. Er versammelte ein paar vertraute Musiker um sich – Bassist Klaus Voormann, Drummer Ringo Starr – und steuerte Rhythumsgitarre und/oder Klavier bei. Das wars. Runter auf den Grund. Nix Walross, nix Eggman, nix Looking Through A Glass Onion, nix Mr. Kite. Stattdessen entwaffnend einfache und genaue Verse, die immer noch greifen, die in ihrer Einfachheit tief blicken. Im von traurigen, heruntergepitchten Kirchenglocken eingeleiteten „Mother“ versucht Lennon, begleitet von einem ruhig voranschreitenden Beat (der nichts anderes ist als das weitergehende Leben), sich von seinen Eltern zu verabschieden (was dem „Loslassen“ als angestrebtes Ziel einer Psychotherapie entspricht): „Mother/ You had me/ But I never had you/ I wanted you/ You didn’t want me/ So I just gotta tell you/ Goodbye. … Father/ You left me/ But I never left you/ I needed you/ You didn’t need me/ So I just gotta tell you/ Goodbye”. Ihm gelingt dieser Abschied aber noch nicht, und urschrei-trainiert ruft er den Schmerz hinaus: „Mama don’t go!“, „Daddy come home!“, immer wieder, bis der Song langsam ausfadet zum Rhythmus des weitergehenden Lebens. Einer der absolut besten Songs, die Lennon je geschrieben hat! Und nie sang er besser, reicher, uneingeschränkter als auf John Lennon/Plastic Ono Band. Nicht vorher und nicht nacher. Vielleicht ist nicht jeder Song ein Glanzstück, aber die meisten sind es dann doch, und die etwas schwächeren haben immer noch ein paar berührende Stellen aufzubieten, die ich einfach nur bewundern kann. Ausgewählte Themen im Überblick: Erkenntnisprozesse (das wunderbar grimmig rockende „I Found Out“), Durchhalten mittels Zweckoptimismus (das beruhigend fliessende „Hold On“), die klevere und zugleich bittere Folk-Provokation „Working Class Hero“, mit Yoko gegen die Ängste der Welt („Isolation“), das sanfte „Love“, das rockige und schrei-bewährte „Well Well Well“, schliesslich die berühmte negierende Litanei in „God“, die in „I don’t believe in Beatles!“ gipfelt, „I don’t believe in Beatles!/ I just believe in me/ Yoko and me/ – That’s reality.“ Danach schliesst das kurze „My Mummys Dead“ (“My Mummy’s dead/ It can’t get in my head”) den Kreis zum Anfang, zu “Mother”. Lennons bestes Solo-Album und absolut ebenbürtig mit allem, was er mit den Beatles je gemacht hat.

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