29/09/2020

Platten zu Zeiten

Was mich musikalisch so trieb in letzter Zeit (excl. der neuen Johnny Cash, die auch toll ist)

Diesmal strictly inna nähkästchen style

Joanna Newsom: Ys
Bis vor einem Jahr war mir diese junge Dame namens Joanna Newsom unbekannt, bis mir Sufjan Stevens im Interview von ihr erzählte und ich ihn bat, mir ihren Namen aufzuschreiben, da ich ihn akustisch nicht identifizieren konnte (der Zettel mit dem Namen in Sufjans kleiner Krickelschrift kann gegen 75 Euro in bar bei mir abgeholt werden. Ne, Quatsch, hab den Zettel weggeworfen). Ich krieg ja immer die Checker-Muffe, wenn alle „Meisterwerk!“ schreien, ja selbst die beteiligten Musiker, Arrangeure und Produzenten „Meisterwerk!“ schreien, und überhaupt alle guten und bösen Menschen unisono Meisterwerk! Meisterwerk! Meisterwerk! schreien. und ICH kenne es noch nicht. Dann kommt meine Möchtegernpunksozialisation hoch und ich fantasiere mir fieberhaft herbei, wie ich alles niederschmetternd „Kein Meisterwerk! Kein Meisterwerk! Kein Meisterwerk! Es ist der Feind in hübschem Gewand!“ schreie . Aber ich komme nicht umhin, stellvertretend für alle anderen Claqueure neben mir auch Meisterwerk! zu schreien. Besser noch glaszerspringend zu kreischen und mir die Klamotten vom Leib zu reissen – vorzugsweise auf der Piazza San Martino in Lucca. Also: Meisterwerk!!! *ruhiger* Meisterwerk! *ruhig* Meisterwerk. (Bewertung: 12 von 12 Goldrandkäfer aus Puffseide (Bezeichnung ist Google unbekannt)).

Califone: Roots And Crowns (und alles andere auch)
Mein vorrangiger Grund, überhaupt im Forum zu verweilen, ist derjenige, Tipps für interessante Musik abzugreifen. Das private Geposte der „Community“ finde ich eher randständig interessant. Daher bitte ich öfters mal Bulboes, mir ein paar Perlen aus seiner reichhaltigen musikalischen Muschelbank zu zeigen. Vorzugsweise bitte ich ihn das, wenn ich gerade mal wieder was bei Glitterhouse oder Greatest Hits, Nürnberg, bestellen will. Es sind tatsächlich fast nur Treffer darunter. Unter Anderem auch die ganz aussergewöhnlichen Califone. Es gibt tatsächlich absolut nichts Schlechtes von Califone (und ich kenne mittlerweile bestimmt 80-90% ihres Katalogs – sogar eine komische CD-Single aus einer komischen „single club“-serie ist dabei [5 euro bei Glitterhouse]). Die Neue ist Top Five dieses Jahres, soweit mir dieses Jahr überhaupt bekannt ist. Wenn die Books die Beatles sind, dann sind Califone die Beau Brummels. Ich warte noch auf eine Band, die dann die Electric Prunes ist. Zumindest so wie die Electric Prunes auf ihrer ersten Platte die Electric Prunes sind. Denn so, wie die Electric Prunes auf ihren späteren Platten die Electric Prunes sind, so sind die Flaming Lips auf ihren späteren Platten schon die Electric Prunes. Dieser Vergleich ist also schon vergeben. Wobei: Klingen die Flaming Lips in ihrer Spätphase nicht eher wie die Electric Prunes auf ihrer ersten Platte, und die frühen Flaming Lips wie die späteren Electric Prunes? Ich muss da noch mal drüber nachdenken. Die Erwähnung der Beau Brummels bietet mir die seltene Gelegenheit, ihr großes Songkleinod „Turn Around“ zu erwähnen, mit dem den Sommer einzuleiten ich mir seit einigen Jahren angewöhnt habe. Nun habe ich mir auch angewöhnt, damit den Sommer auszuleiten. Passt auch viel besser: Turn arouuuund, the summer’s almost oveeeeer, turn arouuuuund, summer’s almost gooooone. (Bewertung: Califone: 99 von 99 Holzscheite aus dem Kamin aus dem Hotel, in dem Harry Smith das Glas Milch hochhielt, dass ihm Allan Ginsberg reichte; Beau Brummels: 24 von 24 Heuresten aus dem Schober von Badley’s Barn, die nach dem Petting in den Klamotten verblieben).

Captain Beefheart And The Magic Band
She can burn (hack) you up (hack) in bed just like (hack hack) she said (hack hack hack) ’cause she’s (hack) a hot head, hot (hack) head (hack hack), hot head. Ich bin bestimmt der letzte, der sich von allen Spex-Forums-Usern die Reissues von Captain Beefhearts besten Platten besorgt hat, die bei Virgin herauskamen. Ich habe mir tatsächlich immer gewünscht, dass seine essenziellen Spätplatten „Shiny Beast“, „Doc At The Radar Station“ und „Ice Cream For Crow“ mal standesgemäß remastered werden, sind die bisherigen CD-Ausgaben doch in der Steinzeit der digitalen Überspielung entstanden, die dünn und bassarm klangen. Ist nun also bereinigt. Ich wollte eigentlich die Spex-Redaktion überreden, mich die Reissues besprechen zu lassen, dann hätte ich sie umsonst bekommen, aber das hat leider nicht geklappt. Ich hätte erläutert, wie sich Beefheart seine Songs und Rhythmen von der Natur und den Geräuschen der Technologie schreiben lässt, mit der der Mensch versucht, sie zu kontrollieren. Dem Rhythmus von „Bat Chain Puller“ liegt das Geräusch des Scheibenwischers von Beefhearts altem Volvo zugrunde, das er auf Tape aufnahm, als er an einer Bahnschranke wartete während der Zug an ihm vorbeirrauschte. Ein anderes Mal soll Beefheart der Legende nach einem seiner Musiker die Grundlage eines neuen Songs erklärt haben, indem er einen Stock gegen eine Wand warf. Das zufällige Klacken beim Aufprall auf Wand und Boden bildete dann den Rhythmus. Das muss man aber alles gar nicht wissen, um sich auch heute noch von der Ideenflut und der Genauigkeit überwältigen zu lassen, mit der Beefheart und seine Magic Band gängige Songwriterkunst verhackstückt und in jedem Augenblick auf den Ausbruch vorbereitet. 25th-Century-Quaker-Rock. (Bewertung: Doc ATRS: 78 von 71 Aschenbecherherzen. Shiny Beast (Bat Chain Puller): 55 von 51 Mensch-Maschine-Hybriden (Abzüge für einige Passagen von Bruce Fowlers zappaesker Posaune).

Reggae-Ausgrabungen
Dann noch eine Ausgrabung von Keith Hudson, deren Titel mir nicht einfallen will, die aber irgendwas mit “Dragon” heißt. Alle Reggae-Platten der Siebziger, die „Dragon“ im Titel tragen, müssen gekauft werden. Alle Keith Hudson-Platten aus der Zeit auch. Oder war’s Linval Thompson? Ich verwechsle die beiden immer. Ist aber noch nicht da, die CD. Von Linval Thompson habe ich letztens auch eine Ausgrabung ersteigert. Ich weiss deswegen so genau, dass sie von Linval Thompson stammt und nicht von Keith Hudson, weil der Name auf dem Cover steht. Da steht ausserdem: „AND FRIENDS“ und „WHIP THEM KING TUBBY!“. 9 Tracks, 9 Versions, wie sich das gehört. Wer hat hier letztens noch über Horace Andy abgelästert, nur weil er mal ein mieses Konzert abgeliefert hat? Der ist hier jedenfalls auch drauf, neben Jacob Miller, Johnny Clarke und Linval persönlich. Die Dubs sind ebenfalls klasse, unter anderem auch über den besten Riddim aller Zeiten, Augustus Pablos Rockers Dub-Riddim, der schon „King Tubby Meets Rockers Uptown“ zugrunde liegt. Die CD kommt im neuen CD-Plastikhüllendesign mit abgerundeten Ecken. Meine Frau musste mir erst zeigen, wie die CD überhaupt zu öffnen ist (soviel sei verraten: mit einer Hand nur unter größten Schwierigkeiten). (Bewertung: 71 von 74 Peitschenhieben mit einem Zopf aus Tonbändern from King Tubby’s).

2 Gedanken zu “Platten zu Zeiten

  1. ja, das ist die WV, die ich bei glitterhouse bestellt habe – leider war sie dort nicht mehr aufzutreiben. falls du (ich denke DU, lieber LB, bist das doch, oder?) sie irgendwo im laden siehst, kannst du sie mir gerne kaufen und auf den kleinen plattenturm drauflegen, der bei dir noch auf seine verschickung warten müsste. 🙂

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