28/11/2020

Popmusik: Endlich unwichtig und frei!

Neulich, neulich las ich ein Interview mit Diedrich Diederichsen in der Netzeitung. Diedrich Diederichsen wohnt in Berlin und hockt dort oft in einer Kneipe, die auch Manfred Krug besucht („Ich hab den dort, glaub ich, noch nie nicht gesehen“). Mit Popmusik beschäftigt sich Diedrich Diederichsen nicht mehr so viel, da sie langsam auslaufe, nur noch als Soundtrack für die „digitale Outdoors-Kultur“ diene, ohne in ihr ein Leitmotiv zu sein. Das stimmt wahrscheinlich, stelle ich nicht ohne Erleichterung fest. Popmusik hat sich aus den Charts der wichtigsten kulturellen Kontexte verabschiedet. Warum sich also immer noch damit abplagen, an Popmusik das Wirken der Welten abzuleiten, ihr eine Bedeutung anzuhängen, die sie nicht mehr hat und auch in Zukunft nicht mehr haben wird – schon gar nicht als Indiemusik? Kann man also endlich den ganzen Kram mit seinen Notenfolgen, seinem Geschrammel und Gegroove, seiner Floor-Euphorie, seinem melancholischen Rückzugsgefeiere, seiner Strategie der unbedingten Aktualität oder seiner elektronischen Entschleunigung durch serielle Experimente und Field-Recordings aus dem Zwang befreien, als irgendwie diffus dringlich und politisch – und sei es auch nur trendpolitisch/stylish – hochgeschrieben zu werden? Man kann und man sollte. Warum? Weil es total befreit. Sich selbst und die Musik. Gruppenzugehörigkeiten und soziale Netze finden halt woanders als in der Popmusik effektiver statt. Und dort, wo sie stattfinden, sollte man sich und seine Interessen auch in die Datenpools der Gleichgesinnten einpflegen, wenn man möchte. In der Musik hat ein politischer Änderungswillen jedoch nichts verloren, weil Musik keine Veränderungen mehr bewirken kann und es wahrscheinlich auch noch nie konnte, ausser dass sich Generationen die Haare wachsen ließen und/oder abschnitten, je nachdem, was gerade die Strategie und wer der Gegner war. Heute existieren alle äußerlichen Zeichen einer sozialen Zugehörigkeit unabhängig von der Musik. Ob lange Haare oder kurze, Army-Klamotten oder Windjacke, Vollbart oder Ganzkörper-Rasur, queer oder nicht queer – keine Musikvorliebe ist daraus abzuleiten. Ja selbst die Musikproduzenten sind äußerlich nicht mehr eindeutig zuordbar, auch wenn sie im Prinzip die gleiche Musik machen, so wie z.B. der ungepflegte Vollbart Will Oldham versus des bieder aussehenden Glattrasierten Jason Molina. Wenn Popmusik keine über sich hinausgehende Kraft ausübt, ausser derjenigen, die man als Individuum in sie hineininterpretiert oder derjenigen als begleitender Soundtrack zu sich aussermusikalisch definierenden sozialen Netzen, dann sollte es auch endlich möglich sein, die Kontexte frei wählen zu können, in denen man die Musik passieren lässt. Kurz: Wenn sich also die Musik schon aus tonnenschwerer Wichtigkeit befreit, dann kann sich auch die Beschäftigung mit ihr aus diesen Zusammenhängen befreien. Dann macht es zum Beispiel auch keinen Sinn mehr, Musik aus einem geschichtlich-chronologischen Kontext heraus zu betrachten. Es existiert halt keine Dringlichkeit mehr in der Musik, die als Endpunkt einer geschichtlichen Abfolge im Jetzt kumuliert. Genausowenig Sinn macht der Versuch, das Jetzt in der Musik an vermeintlichen Vorgängern und vergangenen „Meisterwerken“ abzugleichen. Die schwindende Bedeutung einer geschichtlich und chronologischen orientierten Musikrezeption ist sicher auch eine Folge des Internets, denn in ihm ist jederzeit alle Musik aus allen Zeiten unabhängig von ihrer Entstehungszeit, ihrem Entstehungskontext und ihren Einflüssen immerzu gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander verfügbar. Damit stellt sich dann leider ein anderes Problem ein: Wenn Musikkontexte frei wählbar und frei konstruierbar sind, warum soll dann noch jemand auf diesen Web-Blog klicken? Jeder kocht schließlich sein eigenes Kontextsüppchen. Wer braucht da noch die Kontexte anderer? Dieses Problem der mangelnden Verbindlichkeit von Kontexten wird ja auch in der Blog-Kultur offenbar, in seiner Tendenz zur Vereinzelung von Meinungen und individuellen Vorlieben. Können Blog-Vernetzungen dieses Problem lösen? Welche Formen der Blog-Vernetzungen gibt es? Liest jemand diesen Blog, der dazu Stellung beziehen kann? Eigentlich sollte sich zum Ende dieses Textes ein knarrender Sargdeckel öffnen und Haunted George hervortreten. Er muss jetzt aber unvorhergesehenerweise noch ein wenig in Ewigkeit ruhen. Haunted George wird sich aber voraussichtlich im Laufe der Woche melden. Wahrscheinlich über die Ätherwellen eines uralten Ghettoblasters. Watch out! Und tragt die Kunde weiter! Haunted George will endlich raus aus seinem Sarg und ich will raus aus der Vereinzelung meines Blogs!

10 Gedanken zu “Popmusik: Endlich unwichtig und frei!

  1. erstens weiß ich nicht genau, ob die mangelde verbindlichkeit der kontexte wirklich ein problem ist, und zweitens bin ich mir nicht sicher, dass sich das zu einer vereinzelung ableiten lässt, was blogs betrifft. ein junges und frisches blog wie das hier hat natürlich am anfang wenig leser und noch weniger leser, die kommentieren und/oder verlinken, aber das sehe ich nicht als etwas blog-spezifisches an, sondern ist bei jedem kulturellen medium so, oder?

  2. die vereinzelung bemerkte ich schon ab da, als ich vom spex-forum in meinen blog wechselte. es ist weniger austausch da (wobei der ja im spex-forum auch meist erbärmlich gering war), weil halt jeder einen blog hat, d.h. in seiner wohnung bleibt, anstatt öffentliche plätze aufzusuchen. da ich aber öffentliche plätze für die kommunikation geeigneter finde, ich andererseits am blog aber gefallen finde, interessiere ich mich halt für die möglichkeit, wie sich interessierte blogs miteinander verknüpfen können, und zwar über das reine verlinken und kommentieren hinaus. welche möglichkeiten gibt es da noch so? wo steht was darüber? kannst du mir ein paar tipps geben?

  3. ich glaube einfach nicht, dass man das so einfach sehen sollte, schließlich ist jeder blog ein öffentlicher platz, und die wohnung-öffentlichkeit-dichotomie verschwimmt bei dem medium, finde ich. dass ein forum einen anderen status hat, ist klar. dass bei jedem neuanfang, an jedem öffentlichen platz, erstmal kaum was los, ist auch klar.

    bezüglich der vernetzung: du suchst also nach dem, was hinlänglich unter web 2.0 bekannt ist. 😉 dann mal los bei technorati, delicious, last.fm, oder listen solcher listen. (wobei popmusik-vernetzungs-explosion nur bei last.fm wirklich zu holen ist). alle diese dinge sind selbstverständlich nur eingeschränklt empfehlenswert. und ich weiß nicht, ob sie auch nur annhähernd an deine utopie rankommen. 🙂

    aber generell: was wäre denn das? was erwartest du dir, zB bei deinem blog hier, an austausch? wie sollte der aussehen, optimalerweise, so dass du zufrieden bist?

  4. ja, deine entsprechednen links sind mir schon bekannt. aber vielleicht sollte ich es mal etwas genauer mit last.fm versuchen.

    och, sooo viel erwarte ich eigentlich noch gar nicht. ich wollte nur über die möglichkeiten wissen, die an vernetzungen existieren.

    meine utopie sieht so aus: du hast EINEN blog im webfeed und über diesen blog bekommst du ständig mit, was alle verbundenen blogs gerade so tun. kommentare erscheinen nicht nur im eigenen blog sondern in allen angeschlossenen blogs. man kann von jedem angeschlossenen blog darauf antworten usw.
    mehr kann ich auch nicht sagen. gibt es sowas?

  5. "du hast EINEN blog im webfeed und über diesen blog bekommst du ständig mit, was alle verbundenen blogs gerade so tun."

    das ist ja quasi der feed, oder? bezw deine feed-sammlung: EIN Ort, an dem du alles was angeschlossene blogs treiben auf einen blick präsentiert bekommst. (oder eben etwas unkontrollierter in form vopn tags…)

    "kommentare erscheinen nicht nur im eigenen blog sondern in allen angeschlossenen blogs."

    das versteh ich nicht ganz: kommentare auf was? kommentare auf einen beitrag erscheinen natürlich unter dem beitrag.

    "man kann von jedem angeschlossenen blog darauf antworten usw."

    das wäre dann wohl soetwas wie wenn ich nun einen beitrag mache bei .txt, der auf deinen antwortet, ihn zitiert, rekontextualisiert, kommentiert. auch das ist doch bereits exakt das, was blog-alltag doch ausmacht, oder?

  6. versteh ich auch nicht. wenn ich auf beitrag x in blog y mit kommentar z antworte, dann gehört der kommentar z zu beitrag x in blog y. welcher beitrag x1 in blog y1 wäre dann mit kommentar z verbunden? und woher kann man sicher sein, daß sich beitrag x1 überhaupt in irgendeiner weise mit kommentar z verträgt? Das Ergebnis wäre früher oder später ein ziemlich komplexes Chaos, in das man sich als Neuling umständlich hineinfinden müßte, und am Ende hast du nur ein leeres Universum wie das Spex-Forum.

  7. das ist doch pipieinfach: nicht nur kommentar z zu beitrag x in blog y wird angezeigt, sondern gleich der ganze beitrag x aus blog y wird in blog a angezeigt (natürlich nur ein kleiner ausschnitt, der dann den vollen beitrag nebst kommentar anzeigt, wenn man draufklickt), wobei blog a derjenige blog ist, der ebenso wie blog y sich in einer definierten gruppe von gleichinteressierten blogs befindet – in einer sogenannten blogschule (in anlehnung an eine walschule). egal von welchem punkt der blogschule aus man einen kommenar zu einem beitrag schreibt, wird er sofort diesem beitrag zugeordnet, so dass man seien blog a gar nicht verlassen muss, um beiträge in anderen blogs einzusehen und zu kommentieren. es bildet sich ein meta-forum aus allen blogs der blogschule.

  8. Eine Walschule!!! Gib's zu, du hast zuviel Donald Duck gelesen!

    Also, ich weiß nicht, das scheint mir nicht sehr einsichtig zu sein. Da wäre es doch naheliegend, man betreibt einen blog gemeinsam oder einen metablog (aber da hat wiese ja schon was erklärt). Solange es sich um getrennte blogs handelt, muß man den blog ja immer verlassen, um woanders posten zu können (auch wenn man es nicht immer merkt)

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