28/11/2020

SCRITTI POLITTI im zarten bewusstsein

SCRITTI POLITTI songs to remember
1982

Mir war gar nicht klar, wie präsent Robert Wyatt auf “The Sweetest Girl” und “Gettin’ Havin’ & Holdin'” ist, und zwar mit seinem typischen italienischen Billig-Keyboard, mit dem Wyatt schon “Rock Bottom” so wunderbar befremdete. Man kann zudem sogar seine Stimme recht prominent heraushören. Das schockiert mich etwas. Nicht nur als Wyatt-Fan, dem das schon damals 1982 beim Erscheinen von “Songs To Remember” sofort hätte auffallen müssen, sondern auch, weil ich immer das Gefühl hatte, Scritti Polittis “Songs To Remember” so stark eingeprägt zu haben, dass ich nicht erwartete, beim neuerlichen Hören – nach 25 jähriger Abstinenz etwa – noch weitere Erkenntnisse daraus zu gewinnen.

Aber weit gefehlt. Die zweite Erkenntnis: Die doo-woppenden Backgroundsängerinnen begleiten, antworten, fordern und unterstützen Green Gartside auf der gesamten Platte so punktgenau und mit soviel Selbstbewusstsein, wie es die Memphis Horns mit freilich ganz anderen Mitteln auch für Al Green taten. Sie agieren nicht als Anhängsel, sondern als gleichberechtigte Unterstützung des Songs – und nicht nur des Sängers. Daher können sie es sich auch leisten, sich nicht in den Vordergrund zu schieben. Selbstbewusstsein zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es sich seiner selbst bewusst ist und sich die Bestätigung nicht laut und polterig von außen holen muss.

Die dritte Erkenntnis: Vieles ist auf “Songs To Remember” zart und vorsichtig angelegt, was später im weiteren Verlauf der 1980er ins Monströse verstärkt und verunstaltet werden sollte: Das Ausdruckssaxophon, der Linn-Drum, der slappende Bass, Disco-Synth-Beat, das Jazz-Sample, die funky-dünne Gitarre, die Rap-Einlage. Alles noch eingebunden in gegenseitige Rücksichtnahme, im für heutige Maßstäbe fast schon wieder revolutionär trocken-mittigen Sound, noch nicht von überpräsenten Klatsch- und Donner-Grooves abgeschossen.

Stattdessen vernäht der Sound luftig. Er findet im LP-Cover seine Entsprechung: Weißer, leicht abgedimmter Hintergrund. Ein schlichter, ausgestanzter Schreibschriftzug, wie mit goldenem Faden gelegt, dazwischen zieht sich eine zarte, eingestanzte hellblaue Linie. Auf der Rückseite umrahmt das Blau dann nicht nur ein kleines Foto von Green Gartside, sondern es bildet auch die dezente Grundlage für die Buchstabenfarbe, die Titel und Musiker (nur beim Vornamen) nennt. Das Album buhlt nicht um Aufmerksamkeit. Es wird stattdessen ein persönliches Erinnerungsangebot gemacht: “Songs To Remember”. Auch nach dreißig Jahren im Mai 2012 noch der Erinnerung würdig.

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