19/09/2020

TIM BUCKLEY: not mercury but …

„Zwei Drittel des ersten Tim Buckley-Albums sind gut, ein Drittel nicht“. Diese für mich seit einigen Jahrmillionen feststehende, mathematisch-plumpe Behauptung erfuhr gestern eine Erschütterung: Nachdem ich mich nach längerer Abstinenz mal wieder von dem ordnungsgemäßen Zustand meines Vinyl-Exemplars überzeugt hatte, kann ich nun ums Verrecken nicht mehr sagen, welches Drittel der Musik mir eigentlich nicht gefallen haben sollte.

Im Gegenteil, bietet „Tim Buckley“ (1966) doch eine nicht mindere Tiefe wie „Lorca“, nur eben nicht in längeren, improvisierten Tracks, sondern kurz und konzentriert in kleinen, zwei bis drei Minuten langen Happen. Linker Kanal Gitarrengeklingel, rechter Kanal Bass und Drums, und in der Mitte von Nirgendwo ein 19jähriger Zaubersänger, der sich Jahre später bei der Abschätzung einer Heroin-Dosis verhängnisvoll verkalkulieren sollte. Aber das ahnt man hier noch nicht.

Wenn Dylans Aufnahmen zu jener Zeit als quecksilbrig beschrieben werden, was ist dann das Pendant zum Sound, den Paul Rothchild, Jac Holzman und Bruce Botnick ihren Schäfchen aus dem Elektra-Stall (Tim Buckley, Doors, u.a.m.) verpasst haben? Goldig, nickelig, kupferig? Nein, das klingt zu süß, nicht geheimnisvoll genug. Tropenholzig vielleicht? Magnolisch? Egal, denn es kommt hier auf den Teenager Tim Buckley an (den Hinweis auf die Doors vergessen wir daher mal ganz schnell), und der klingt schon damals beängstigend gut und so jenseits von irdisch mickrigem Gesinge der übrigen hominiden Erdenbewohner, dass man sich wundert, wie so ein kleiner Zweiminuten-Song diesen aus noch unerforschtem Emotionspatchfork zusammengesetzten Gesang eigentlich aushält, ohne in freie Teile zu zerfallen (wie es nämlich nur zwei, drei Jahre später Buckleys Tracks erging: Sie wurden frei und freier, ionisierten in seinem Gesang wie Salz in wässriger Lösung).

They (die Songs sind gemeint) hold the magic of japanese watercolours“, druckt die Coverrückseite in der charakteristischen Elektra-Buchstaben-Type. Und erst wollte ich mich darüber beschweren, weil meine Gedanken sofort Assoziationen mit „Verwässerung“ bildeten. Aber nun halte ich den Vergleich für passend: Mit seinem Debut begann Tim Buckley an Wasserzeichnungen zu arbeiten, auf die man noch einen Ozean schütten könnte, und trotzdem würden sie nicht im Meer verschwinden, sondern das Meer in ihnen.

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