24/09/2021

UNDER MY THUMB | Songs That Hate Women And The Women Who Loved Them

Atme tief durch, bevor du dieses Review zu Under My Thumb liest, hätte taboola – die nervigste unabstellbare Werbesoftware aller Zeiten – wohl getextet. Deren Paradedisziplin ist das voyeuristische Klickversprechen auf die Körper prominenter Frauen. Womit wir beim Thema wären: Frauen erniedrigende, sexistische, misogyne Texte in der Popkultur. Der Reader Under My Thumb – Songs That Hate Women And The Women Who Loved Them von 2017 hat ein interessantes Setting, denn er beschreibt in 30 Essays ausschließlich aus der Sicht von Autorinnen – Feministinnen, DJs, Journalistinnen – wie sie mit misogynen Lyrics von ansonsten innig geliebter Musik umgehen.

Der Reader ist folgerichtig keine Anleitung zum Schönreden von misogynen Texten, eher eine ganz persönliche Beschäftigung mit den Nöten, diese plötzlich in geschätzter Musik vorzufinden. Das Unbehagen hat ebenso Platz wie die Begeisterung, aus der heraus oft erst die Problematik erwachsen ist, sich plötzlich mit frauenhassenden Lyrics und Gebaren der eigenen Lieblingsmusik auseinandersetzen zu müssen. Und an vielen Stellen des Buches wird deutlich, wie überlagernd und prägend musikalische Energie wirken kann, wenn sie schon da war, bevor man sich mit dem textlichen Output des Künstlers beschäftigt hat.

Die Beiträge zu Under My Thumb gehen meist über das typische, nivellierende “Es war eine andere Zeit” hinaus (dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist: „It was a different time“: Negotiating with the Misogyny of Heroes, von Em Smith), argumentieren mit der eigenen Geschichte oder kontextualisieren die kulturelle Umgebung, in der die Musik und die Lyriks entstanden sind. Oder trennen den Protagonisten vom Autor, lassen ihn als literarische Figur auftreten. Dann wieder erfährt man etwas über den romantischen Aspekt amerikanischer Mordballaden. Die pornöse Körperfixiertheit manches Rappers wird auch mal als Befreiungssignal an den eigenen Körper gedeutet.

Was die Autorinnen trotz aller Unterschiedlichkeit eint, ist ihre Bereitschaft, es sich nicht leicht zu machen, sondern mit Differenzierung und Zusammenhängen ein größeres Bild zu entwerfen, in dem die eigene Geschichte genauso zählt wie die Lyrics selbst. Trotzdem wird die eigene Weltsicht nicht zur allgemeingültigen Perspektive stilisiert. Widersprüche werden stehen gelassen, zugegeben, nicht immer eine Lösung aus dem Dilemma zu finden. Ansätze, die sich viele Männer, die sich gerne in die Rolle des Problemlösers hineinfantasieren, in ihrer überhöhten Selbstwahrnehmung gar nicht trauen würden.

Es gibt also viel zu lernen aus dem Buch. Dass es einiges an Wissen und Reflektion bedarf, zum Beispiel, und dass selbst dann immer noch genug übrigbleibt, um die Lippen zu verziehen, wie es das Buchcover in Anlehnung und Umdeutung des Logos der Rolling Stones so passend verdeutlicht. Frau*Mann kann auch selbst schon mal üben, eine Schnute zu ziehen, um sich darauf vorzubereiten, wenn der eigene Lieblingskünstler/das eigene Lieblingsgenre in die Mangel genommen wird. Eine Auswahl: Phil Spector, Mick Jagger, Bob Dylan, Feminismus + HipHop, Tupac, Marshall Mathers, Pulp, Elvis Costello, Metal, Goth. Und ich habe erst gut die Hälfte des Buches durch.

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