19/09/2020

THE ROLLING STONES emotional rescue | Track-by-Track zum 40sten

THE ROLLING STONES – emotional rescue (1980)

Bewertung: ***** gut | *nicht so gut

1. Dance ****
Mit “Black And Blue”, “Some Girls” und “Emotional Rescue” drei Platten in Folge mit einem Disco/Funk-Stück eröffnen – nicht schlecht für eine Band, der als Kernkompetenz immer Rhythm & Blues und Rock nachgesagt wird!
Was auf „Hot Stuff“ noch als ungelenker Funk-Versuch scheiterte und auf „Miss You“ dann zu einer Art selbstreflektierendem Disco-Blues wurde, entwickelte sich auf „Dance“ schließlich tatsächlich zu einem Disco-Stück, das offensichtlich allen Beteiligten großen Spaß gemacht hat. Im Prinzip wird hier schon mitgeteilt, dass es den Stones auf „Emotional Rescue“ an nichts wirklich fehlt, niemand wird vermisst, Sorgen werden weggespielt und kommen nur noch selten mal an die Oberfläche zurück. Man hatte wieder Freude am Leben und an der Stellung der Band im Popkultur-Kosmos, nachdem man sich auf „Some Girls“ durch einen wütenden – auch schmerzlichen – Prozess hindurch neu erfunden hatte. Nun wird diese Neuerfindung ausgekostet. Das Gitarrenknäuel von „Some Girls“ wird etwas entknäuelt, man öffnet sich wieder mehr der Welt und steht nicht mehr ganz so eng zusammen. Das mutierte Disco-Schlagzeug von Watts ist unter warmer Sommersonne wieder freundlicher geworden …

2. Summer Romance ****
… und so entsteht großenteils eine gutgelaunte Halbstarken-Platte, mit ein paar Frauengeschichten im Gepäck. Aber es macht sehr viel Spaß. Wer wollte es ihnen verdenken, nach den Selbstzweifeln und dem Genervtsein auf „Some Girls“? „Summer Romance“ ist rüpeliger Kumpelrock, der sich nicht um Anspruch schert. Mick Taylor wäre völlig fehl am Platze gewesen, Wood ist hier die ideale Ergänzung. Man lärmt rum, hat eine Romanze mit einer jüngeren Frau, während die Sonne auf den Pelz brennt, und dann ist auch gut.

3. Send It To Me *****
Vielleicht der bestgespielte Reggae, den die Stones bisher verbraten haben. Jaggers Hall auf der Stimme scheint mir eine kleine Verbeugung vor Dub zu sein. Das rollt schön dahin, auch mit dem etwas reduzierten Teil zum Ende hin („She could be roumanian …/ Send it to me“). Jedenfalls hätte sich eine Dub-Version hier angeboten, es kamen ja schließlich auch andere gute Dub-Bearbeitungen aus dem Compass Point Studio in Nassau, Bahamas, wo ein Teil des Albums entstand. Da hätte z.B. Karl Pitterson was draus machen können. Leider wird „Send It To Me“ viel zu früh ausgeblendet. Jedenfalls aus ernsthaften Gründen ein toller Reggae-Song, nicht so wie bei „Cherry Oh Baby“, das ja aus unernsten Gründen eine toll verunglückte Coverversion ist.

4. Let Me Go *****
Bedeutet „Let me go“ nicht das Gegenteil von „Miss you“? Ein von allen Zweifeln befreiter, schneller und geschmeidiger Rocker. Auf „Let Me Go“ fällt mir auf, dass ein paar Stücke auf „Emotional Rescue“ irgendwie einen Prä-Beatles-Rock’n‘Roll-Spin abbekommen haben. Song hätte ebenfalls gerne noch länger gehen können. Wie gut die Stones doch zu der Zeit waren, wenn sie diese Vorzeige-Riffs wegließen. Und wie enttäuschend dann wieder so eine Nummer wie „Start Me Up“ (auf mich) wirkt.

5. Indian Girl *1/2
Nee, das ist zu naiv für ein ernstes Thema wie Krieg und die Kinder, die am Schlimmsten drunter leiden. Kleines Mädchen, wo sind deine Eltern? Sie kämpfen im Krieg in den Straßen von Angola. Vergewaltigungen finden statt, das Leben ist hart und wird härter (Mariachi-Bläser setzen ein). Das ist nahe am nichtssagenden und nichts erklärenden Betroffenheitskitsch, denn Krieg findet ja sowieso jeder Scheiße. Die Musik strahlt eine sentimentale Postkarten-Atmosphäre aus und trägt das einfach nicht über die reine Betroffenheit hinaus. Da kann auch Jack Nitzsche nichts dran ändern, der die Bläser arrangiert hat.

Seite 2

1. Where The Boys Go *****
Wer den Frauen-Refrain singt („and the girls all know“), verschweigt uns die Platte leider. Und wer den Männer-Refrain singt („Where the boys all go“) leider auch. Denn falls das wirklich nur Jagger, Richards und Wood sein sollten, warum haben sie nicht öfter so zusammen gesungen? Klingt vollkommen anders als sonst. Wieder ein mitreißender Gute-Laune-Rocker, etwas ange-punk-t mit dem Gröhl-Refrain.
Jagger ist bei kaum einer Platte so gut bei Stimme wie bei „Some Girls“ und „Emotional Rescue“. Er hält sich mit Manierismen und Gehabe weitgehend zurück, schmachtet nicht übertrieben und hat nicht so einen bemühten, unlockeren und egozentrischen Ton, wie er sich später in seinen Gesang einschleichen sollte. Ab „Start Me Up“ begann für mich nämlich das Elend mit Jaggers Stimme. Ab da konnte ich sie nicht mehr ertragen. Irgendwas war passiert. Mit ihm oder mit mir.

2. Down In The Hole ****
Komische, fast nahtlose Überblendung in einen kurzen Rückfall in New Yorker Zeiten. Ein Ausflug wieder runter ins Loch, wo einem klar wird, was man sich für Geld alles nicht kaufen kann. Der Szenenwechsel kommt etwas überraschend, aber Sorglosigkeit und Elend liegen ja manchmal nur eine U-Bahnstation voneinander entfernt. Ein Blues-Schema, mit Drama beschickt und nicht klischeebesetzt. Blendet dann aus, wie es eingeblendet wurde. Habe ich mich ins dreckige Loch vielleicht nur albgeträumt? Gefällt mir im Prinzip besser als so manches Gebluesrocke auf „Sticky Fingers“.

3. Emotional Rescue **1/2
Außergewöhnliches Rhythmus-Muster, aber sie setzen es etwas hölzern um. Ich glaube, man hätte hier mehr draus machen können, etwas geschmeidiger und schneller gestalten vielleicht. Das Schlimme ist übrigens nicht Jaggers Falsett-Stimme, sondern der bescheuert-onkelige Ton, den er im Sprechpart anstimmt („Yeah, you should be mine …“). Furchtbar. Aber wie gesagt, da steckt was Gutes drin im Song, es weigert sich nur herauszukommen.

4. She’s So Cold ****
Der Inhalt der Lyrics ist schnell erzählt: „Sie ist so kalt, und ich bin so heiß, verdammt nochmal“. Dankbares Plateau für Jaggers damals noch gut vorhandenem Talent, eine Zeile immer wieder neu zu umsingen. Klappt gut hier, hätte aber keinesfalls noch länger gehen dürfen.

5. All About You **
Trotz Richards-Bonus, den ich immer vergebe, sehr schwach. Eine Grundidee ist kaum zu erkennen, es schleppt sich so dahin, ohne im Geringsten mein Interesse zu wecken. So ein Hank-Williams-Issue – „Du Hund! Aber ich liebe dich immer noch“ – aber kraftlos erzählt.

Fazit: ****
Vor ein paar Jahren startete ich nach langer Abstinenz wieder einen Hörversuch mit „Emotional Rescue“ und fand’s furchtbar. Vielleicht lag es an der gebrannten CD, vielleicht an mir. Irgendwann davor hatte ich die LP nämlich verkauft, weil ich Geld brauchte – für neue Platten. Mir schien das damals zu Studium-Zeiten ein ewiger Kreislauf zu sein. Heute kaufe ich Platten, ohne vorher Platten zu verkaufen. Glücklicher hat es mich nicht gemacht. Sei’s drum. Aktuell jedenfalls empfinde ich das Album wieder so ähnlich wie zu der Zeit, als es herauskam: Als gelungene Fortsetzung der Errungenschaften von „Some Girls“ unter besseren Lebensumständen und mit ein paar schlechteren Songs dazwischen, die aber nicht so ins Gewicht fallen. Also **** Sterne – und somit besser als „Goats Head Soup“. Doch, das geht, ist nur gerecht und vollkommen objektiv. Widerspruch zwecklos.

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