KRAFTWERK am werk

Ehrlich gesagt habe ich die Musik von Kraftwerk nur in Auszügen richtig gut gefunden. Kein einziges ihrer Alben gefällt mir durchgängig. Ich habe vermutlich noch nie eine Platte von ihnen ganz in einem Rutsch durchgehört, sondern immer geskippt, wenn mir die ersten Minuten gerade nicht so gefallen haben (man konnte sich dann leicht ausrechnen, wie es weitergeht). Die Entwicklung ihres Konzepts und ihre optische Präsentation finde ich dagegen sehr gelungen: Die Anlehnung an die Ästhetik der 1920er Jahre in Deutschland, das Einbinden vermeintlich typisch deutscher Eigenschaften und Errungenschaften (Technik, Autobahn, Biergarten, Gefühlshemmung, Robotnik), dazu noch deren Positionierung als Gegenpol zu allem, was klischeehaft für den Rock’n Roll steht, das alles unterfüttert mit einer gewissen Melancholie – ein faszinierendes Konzept.

Mit Freude schaue ich mir die Alben an, vollziehe ihre perfekt in Szene(n) gesetzten Wandlungen nach. Von den starr und freundlich schauenden Herren auf „Trans Europa Express”, über die Menschmaschinen mit rotem Hemd, Schlips und weißer Schminke mit rotem Lippenstift bis zu der Computerwelt, wo sie das Smartphone im Bild vorwegnehmen und sich mit größter Sorgfalt inszenieren – bis zur kantigen Bügelfalte in weiter Stoffhose, die das Kniegelenk verschwinden lässt, um noch roboterhafter wirken zu können. Allein die Entwicklung der Frisuren von TEE bis Computerwelt ist wunderbar gelungen – vom akkuraten Herrenschnitt über die exakt konturierten Menschmaschinen bis zum flächigen, vollkommen verkünstlichten Glanzschnitt der Computerwelt.

Mein Höhepunkt des Musikschaffens von Kraftwerk ist wirklich EXPO2000. In der Auftragsarbeit sehe ich für Kraftwerk die ideale Konstellation: Die freundlich distanzierten Maschinen komponieren nicht mehr aus eigenem Antrieb, sondern werden beauftragt, programmiert sozusagen, etwas herzustellen. Innerhalb eines vorbestimmten Rahmens – Mensch | Natur | Technik – mit exakten Vorgaben der EXPO-Auftragsgeber, zu welchen Zwecken der Beitrag jeweils genutzt/gemixt werden soll. Und das erste Mal im Oevre der maskulinen Maschinen kommt endlich auch eine Menschmaschin*IN zu Wort: Planet | Of | Visions! Was für ein wunderbarer Track. Viel zu gut für dieses blutige Jahrhundert der trennenden, der tötenden Grenzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.