25/02/2021

SPECIAL INTEREST rock’n’überrumpelung

[the passion of SPECIAL INTEREST] 2020 |

Der ganz gewöhnliche Rock’n’Roll wie er sein soll – heute. Wenn ich ehrlich bin, werde ich es in nächster Zeit wohl kaum nach New Orleans schaffen, um mir diesen queeren Sturm aus Techno-Blast, Wutgebell und Punk-Gitarren – nur echt mit wahllosen, gefühlt akkordfreien Barré-Griffen – mal live in den Körper schallen zu lassen. Wenn ich noch ehrlicher bin, dann glaube ich auch nicht, dass diese Band lange existieren wird, obwohl sie mit “The Passion Of” schon das zweite Album draußen hat. Sie wird irgendwann auseinanderstieben wie ihre Musik. Jede/r Einzelne/r in dieser Bande wird sich in vollkommen andere, nicht weniger leidenschaftliche Projekte werfen, bis auch dort wieder die künstlerischen Fliehkräfte zu wirken beginnen, um sich in noch neuere, faszinierende Projekte zu stürzen. Search and destroy and search.

Aber erstmal bleiben wir bei SPECIAL INTEREST, die ihren Namen aus jenen Bereichen antiker Videotheken entnommen haben, wo die eher körperbetonten Filme zu finden waren, wenn man denn reingelassen wurde. Die speziellen Interessen dieses Haufens umfassen ansonsten: Queere Kontexte, schwarzes Communities und ihr Leben zwischen Matter und Massenmord. Gentrifizierung, Liebe, Lust, Party, innerstädtische Kriegsmaschinerien und andere Zerstörungen. Klassische Rock’n’Roll-Themen halt.

Rock’n’Roll ist ein gutes Stichwort. Einer meiner Theorien zufolge muss aktueller Rock’n’Roll eine Wirkung im Heute erzeugen, die früher Rock’n’Roll im damaligen Heute auch ähnlich erzeugt hat. Kurz: Er muss dafür sorgen, dass Hören und Sehen vergeht. Um das zu erreichen, muss er aber anders sein, muss überraschen, im ersten Augenblick unfassbar sein, sonisch überrumpeln. Auch wenn ‘überrumpeln’ grad nicht die beste Wortwahl ist, angesichts von aufgestachelten Faschisten, die demokratische Institutionen überrennen. Das Lärmbad, mit dem die Jimi Hendrix Experience den unvorbereiteten Hörer bei der ersten Begegnung in einen Strudel der Verwirrung stieß, kann jedenfalls nicht mit der selben Musik Jahrzehnte später genau so ausgelöst werden. Man benötigt andere Überforderungsstrategien. Bei Special Interest ist es zum Beispiel die Vermeidung der handwerklichen Nachvollziehbarkeit ihres Sounds. Kurz: Liebes queeres Team, wie hast du das gemacht?

Nicht dass Special Interest das Rad auf ihren bisherigen zwei Alben neu erfunden hätten, aber sie verstehen es doch, dich in einen Zustand der euphorisierenen Überlastung zu bringen. Man merkt es der Band an, dass sie sich ihre sozialen Räume gegen Widerstand erkämpfen muss. Immer wieder. Dass diese Selbstbehauptung ein Dauerzustand ist, der nie nur erreicht, sondern immer und ständig verteidigt werden muss. Eben gegen jene, die glauben, ihre eigenen Räume seien für alle gültig. Die nicht mehr suchen, nachdem sie zerstört haben.

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass besonders aus dem queeren Bereich einiges an sensorenüberlastetender Musik ins Heute bricht – überlebensnotwendig ins Heute bricht: Der apokalyptische Rap von Backxwash, oder die modernen Raincoats in Form der Slum Of Legs sind Beispiele, die oft im weiten Rund der Redaktionshallen von Lärmpolitik zu hören sind. Musik, in rotes Licht getaucht, die von einer anderen Wut erzählt als der rechte Männermob, der sich in seiner maximalen Rücksichtslosigkeit gegenüber allen anderen Lebensentwürfen außer des eigenen beschränkt sieht. Über den Entwürfen der queeren Wut liegt stattdessen die Angespanntheit konkreter Bedrohungsszenarien. Und deswegen müssen Augenblicke des Glücks besonders euphorisch gefeiert werden und Augenblicke der Angst besonders apokalyptisch.

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