11/08/2020

THE FALL hat hirn

Von niemandem lasse ich mich so gerne beleidigen wie von Mark E. Smith. Da traf es sich gut, dass ich dieses Jahr zufällig eine alte, in schludrigem Scheißsound ratternde Fall-Platte von 1980 in die Hände bekam, wo er diese Disziplin live vor recht ahnungslosem Wochenend-Publikum ausspielen konnte („Totale’s Turn’s (‚It’s Now Or Never‘)“). Und so nutzte ich nicht nur die Gelegenheit, mich dafür verachten zu lassen, dass ich im Gegensatz zu The Fall kein Gehirn habe, sondern eben auch mal eine alte Fall-Platte gegen eine nagelneue abgleichen zu können.

Die nagelneue heißt Ersatz GB, und spontan dachte ich, der gute Mark meint mit Ersatzgroßbritannien vielleicht Berlin, wo er in den letzten Jahren zusammen mit seiner Lebensgefährtin einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Tour-losen Freizeit verbracht hat. Ein konzentriertes Lauschen auf die Lyrics von „Ersatz GB“ offenbarte mir dann allerdings keinen wirklichen Hinweis auf Berlin, sofern ich Mark. E. Smiths mittlerweile zahnlückengeprägtes Gesangspfeifen richtig interpretiert habe, aber wer in aller Welt versteht schon Fall-Lyrics ohne Textblatt? Das lange „Monocard“ deutet seine Tauglichkeit zum Fall-Klassiker an: Eine langsame, einprägsame Bassfigur wird von Billig-Synthie, hintergründig rumkratzender E-Gitarre und Drums kantig umspült, dazwischen zischt Mark E. seine Schlagzeilen-Verse wie alchimistische Formeln in der Tradition von „Bremen Nacht“, „Hotel Blöedel“ oder „Detectice Instinct“. Das Zeug hat Potenzial für über Jahre permutierte Live-Versionen.

Auf den anderen Stücken verlässt der Beat nur selten die Schnur, das Tempo ist hoch und ich würde mal behaupten, The Fall haben schon lange nicht mehr so formvollendet und bassbetont ihren Sound vermumpft und vergroovt wie auf „Ersatz GB“. Die Powerakkord-Hardrock-Schiene ist wieder in den Hintergrund getreten. Mehr Can als AC/DC. Ich frage mich gerade, ob ich überhaupt einen einzigen Refrain gehört habe, messe aber der Antwort darauf keine Bedeutung zu.

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