30/07/2021

ALVA NOTO + RYUICHI SAKAMOTO vrioon – revisited revisited

[Vrioon] 2002 |

Irgendwann habe ich dann die Stille entdeckt. Und mit ihr Vrioon von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto. In meiner Hilflosigkeit, sie zu beschreiben, begann ich, ganz nahe an sie heranzutreten. Mir schien das nur folgerichtig, denn weder die kurzen Töne von „Vrioon“- leises Klipsen, ein Klavieranschlag, kurze abbrechende Stränge – noch die Lücken, die sie ließen, kamen mir so vor, als wollten sie von fern gehört werden. Ich kam so nahe heran, bis ich nur noch die Musik und die äussere Struktur ihres Klangträgers wahrnahm.

Ich vermutete einen Plan in Aufmachung und Verpackung von „Vrioon“. Ich dachte, die LP-Hülle mit ihren wenigen aufgedruckten Informationen, die Farbe und Beschaffenheit sowohl des Covers als auch der Schallplatte selbst sind absichtlich so konzipiert worden, damit sich mit jeder Benutzung winzige Informationen einprägten: Die Herausnahme des Vinyls erzeugt jedes Mal einen Abrieb, der sich beim Hören durch winzige Kratzgeräusche hätte bemerkbar machen müssen. Ja, bemerkbar machen müssen, aber die Kratzer gingen tatsächlich so in der Musik auf, dass sie kaum mehr als Störung identifiziert werden konnten. Auch das nicht beschriftete Einlegeblatt nahm externe Spuren auf: Es bekam nicht mehr entfernbare Knickstellen, jedes Mal wenn ich es in die Hände nahm. Man konnte diese kleinen Verletzungen als sichelförmige Prägungen auf der milchig-durchsichtigen Oberfläche gut erkennen.

Diese Spuren faszinierten mich. Ich sah in ihnen die Musik gespiegelt, die – kaum selbst vorhanden – in der Lage war, Informationen der Umwelt in ihre Struktur aufzunehmen. Ich hatte den Eindruck, ich könnte Vrioon nur dann gerecht werden, wenn ich mich auf diese Spuren fokussieren würde und wenn es mir gelingen würde, mich mit dem Album aus der erweiteren Umgebung zu isolieren. Ich konzentrierte mich daher darauf, welche Eigenschaften es entwickelte, wenn ich es beispielsweise auf meinen Händen trug, wenn ich eine Hand langsam davon entfernte oder wenn ich das Vinyl aus der Hülle nahm und schräg gegen das Licht hielt.

Die Eindrücke – meine und diejenigen, die sich in die Struktur von Vrioon einprägten – versuchte ich so genau wie möglich zu notieren, wie ein Wissenschaftler, der nicht weiß, wohin ihn seine Forschungen führen werden, ja, der noch nicht einmal weiß, was genau er da eigentlich erforscht.

Das Cover der Langspielplatte besteht aus einer dünnen, durchsichtigen Plastikhülle, in der ich mich vage spiegeln kann, wenn ich sie vor einen dunklen Hintergrund halte. Die Oberfläche fühlt sich glatt an, hat aber eine feine, körnige Struktur, die ich vielleicht erst sehen musste, bevor ich sie fühlen konnte. Hält man das Cover so, dass die offene Seite nach rechts zeigt, dann ist am oberen linken Rand ein dünner schwarzer Rahmen zu sehen. Quadratisch, etwa acht mal acht Zentimeter groß. In diesem Rahmen sind schriftliche Informationen enthalten. Die beiden Künstler (kleine Schrift): [alva noto + ryuichi sakamoto], der Albumtitel (größere Schrift): [vrioon], dann die zwei Titel der ersten Seite (kleine Schrift): [a: uoon I, uoon II | b: duoon, noon, trioon I], schließlich folgt die Angabe der Plattenumdrehung (kleine Schrift): [33 rpm]. {während ich schreibe, fange ich an zu schwitzen}. Untereinander steht weiterhin in kleiner Schrift: [piano: ryuichi sakamoto], in der nächsten Zeile: [additionals: carsten nicolai], schließlich: [courtesy kab america inc.] und: [©2002 raster-noton. lc01293]. Etwas weiter unten lese ich: [www.raster-noton.de] und eine Zeile darunter: [www.sitesakamoto.com]. Rechts daneben in der gleichen Zeile steht: [raster-noton.de] – in einem eigenen, kleinen, rechteckigen Rahmen eingefasst, dessen rechter unterer Winkel von einem Kreis umschlossen wird, wie eine runde Uhr, dessen Zifferblatt Neun Uhr anzeigt.

Die schriftlichen Informationen enden dort. In die Plastikhülle ist ein dünnes Blatt eingelegt, das die ganze Innenfläche einnimmt. Ich kenne dessen Zusammensetzung nicht. Es ist eines jener transluzenten Blätter, die nur milchiges Licht hindurchlassen. Ich kann die raue Struktur des Stoffes fast nur ahnen. Wie superfeines High Tech-Schleifpapier. Zwischen diesem Blatt und der Vorderseite der durchsichtigen Plastikhülle liegt das nackte, durchscheinende Vinyl – ungeschützt, in Kratzergefahr.

Versuche ich, die Platte aus der Hülle gleiten zu lassen, wird sie elektrostatisch festgehalten. Ich muss das Vinyl am äußeren Rand mit Daumen und Zeigefinger fixieren und dann aktiv herausziehen. Ich bin in Sorge, ob das zart quietschende Geräusch beim Herausziehen nicht vielleicht der Gradmesser für eine Beschädigung der Vinyloberfläche ist, die ich ihr in dem Moment zufüge. Da die Platte durchsichtig ist (mit einem leichten Schimmer ins gelbliche), kann ich in den irritierenden Lichtbrechungen der Rillenstruktur nicht erkennen, ob die Aktion Schleifspuren auf der Oberfläche hinterlassen hat. Mögliche Beschädigungen sind aus der Musik jedenfalls nicht heraushören. Sie werden womöglich aufgefangen von dezenten Knackgeräuschen, die immer wieder aus dem Plateau minimalistischer Klaviertöne aufragen.

Nun wo die Schallplatte aus dem Cover gezogen ist und auf dem Plattenspieler rotiert, fehlt es der durchsichtigen Coverhülle aus Plastik an Stabilität. Greife ich sie mit beiden Händen und löse dann den Griff einer Hand, dann erschlafft das Cover augenblicklich. Bin ich dabei unvorsichtig, bildet sich ein Knick in dem dünnen, milchigen Einlegeblatt. Ein weißer, typischer Knickbogen. Er bleibt für immer. Ich habe mir überlegt, mit einer gefütterten Innenhülle die nackte Vinylplatte zu schützen. Das anfällige Cover könnte ich mit einer Pappe stärken, die ich so ausschneiden würde, dass sie genau die Maße des dünnen Einlegeblatts hat, welches ohne diese Maßnahme meine Spuren der Unachtsamkeit und des täglichen Gebrauchs wie eine Prägung, wie einen buchstäblichen Eindruck unwiderruflich in sich aufnehmen würde. Ich würde sowohl das Vinyl als auch das Cover vor weiterer Beschädigung bewahren.

Ich habe mich dagegen entschieden.

Wenn sich meine Hand von unten dem milchigen Einlegeblatt nähert und schließlich alle Finger auf der Unterseite aufsetzen, habe ich den Eindruck, ein riesiges Fluginsekt ist angeflogen gekommen und hat sich bei der Landung mit seinen fünf Insektenbeinen an der Oberfläche des Blattes festgesaugt. Dann nehme ich die Hand langsam wieder weg. Das Insekt fliegt davon bis es eins wird mit dem milchigen Hintergrund. Danach schiebe ich das dünne Blatt wieder behutsam in die durchsichtige Plastikhülle, darauf bedacht, es nicht weiter zu beschädigen. Betrachte ich es dann erneut, bemerke ich meist einen neuen Knickbogen, der sich trotz meiner vorsichtigen Aktion eingeprägt hat.

Um herauszufinden, wie dieser Text enden soll, habe ich noch einmal die Schallplatte aufgelegt. Die zweite Seite endet mit satie-esken Klavierklängen, einem ruhigen Summton und einem durchgehend sanften Rauschen – und mit Knacken im Vinyl.

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