27/11/2020

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto: Vrioon – revisited

Alva Noto + Ryuichi Sakamoto: Vrioon
2002

Irgendwann habe ich dann die Stille entdeckt. Und mit ihr „Vrioon“ von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto. In meiner Hilflosigkeit, sie zu beschreiben, begann ich, ganz nahe an sie heranzutreten. Mir schien das nur folgerichtig, denn weder die kurzen Töne von „Vrioon“- leises Klipsen, ein Klavieranschlag, kurze abbrechende Stränge – noch die Lücken, die sie ließen, kamen mir so vor, als wollten sie von fern gehört werden. Ich kam so nahe heran, bis ich nur noch die Musik und die äussere Struktur ihres Trägers wahrnahm.

Ich vermutete einen Plan in Aufmachung und Verpackung von „Vrioon“. Ich dachte, die LP-Hülle mit ihren wenigen aufgedruckten Informationen, die Farbe und Beschaffenheit sowohl des Covers als auch der Schallplatte selbst sind absichtlich so konzipiert worden, damit sich mit jeder Benutzung winzige Informationen einprägten: Die Herausnahme des Vinyls erzeugte jedes Mal einen Abrieb, der sich beim Hören durch winzige Kratzgeräusche hätte bemerkbar machen müssen. Ja, machen müssen, aber die Kratzer gingen tatsächlich so in der Musik auf, dass sie kaum mehr als Störung identifiziert werden konnten. Auch das nicht beschriftete Einlegeblatt nahm externe Spuren auf: Es bekam nicht mehr entfernbare Knickstellen, jedes Mal wenn ich es in die Hände nahm. Man konnte diese kleinen Verletzungen als sichelförmige Prägungen auf der milchig-durchsichtigen Oberfläche gut erkennen.

Diese Spuren faszinierten mich. Ich sah in ihnen die Musik gespiegelt, die – kaum selbst vorhanden – in der Lage war, Informationen der Umwelt in ihre Struktur aufzunehmen. Ich hatte den Eindruck, ich könnte „Vrioon“ nur dann gerecht werden, wenn ich mich auf diese Spuren fokussieren würde und wenn es mir gelingen würde, mich mit dem Album aus der erweiteren Umgebung zu isolieren. Ich konzentrierte mich daher darauf, welche Eigenschaften es entwickelte, wenn ich es beispielsweise auf meinen Händen trug, wenn ich eine Hand langsam davon entfernte oder wenn ich das Vinyl aus der Hülle nahm und schräg gegen das Licht hielt.
Die Eindrücke – meine und diejenigen, die sich in die Struktur von Vrioon einprägten – versuchte ich so genau wie möglich zu notieren.

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