22/06/2021

THE ROLLING STONES let it bleed | Track-by-Track (revisited’n’expanded)

[Let It Bleed] 1969 |

Let It Bleed kam im Dezember 1969 auf den Markt und schien damit der kleinen Tradition zu folgen, die die Stones mit Between The Buttons begründet hatten: Ein neues Album immer um den Jahreswechsel herum herauszubringen (in Abstimmung mit den Beatles). Bei Let It Bleed verhielt es sich aber anders. Ursprünglich war die Veröffentlichung nämlich für den Juli 1969 geplant. Dann aber wartete man doch noch die US-Tour ab, ein wichtiger Gradmesser, ob und wie es mit den Stones nach längerer Tourabstinenz und neuem zweiten Gitarristen weiter gehen würde. Vielleicht dachte Jagger ja zudem, das Plattencover würde sich in der dunklen Jahreszeit besser machen, wie er ja bescheuerterweise auch dachte, er müsse in Altamont warten, bis es dunkel wird, bevor er auf die Bühne kommt, damit seine satanischen Seidenklamotten besser zur Geltung kommen. Wir wissen alle, wie dunkel es in Altamont dann wirklich wurde.

LP-Seite 1

1. Gimmie Shelter

Das größte Mysterium vorweg: Der Song heißt eigentlich nicht Gimme Shelter, sondern Gimmie Shelter. Am 2. Februar 2021 – nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit den Stones – ist mir dieses kleine, feine, vor überflüssigem Wissen überquellende Detail erstmals aufgefallen. Ich bin jedoch wahrlich nicht der einzige Ahnungslose. Auch ausgesprochenen Stones-Experten scheint nicht immer klar zu sein, dass einer der von vielen als absolute Krönung des Stones-Oevres gesehene Song eigentlich von Beginn an ein zweites kleines, possierliches i in sich getragen hat. Beispiele? Deutsche Ausgabe von “According To The Rolling Stones”: Gimme Shelter. Sueddeutsche Zeitung, 10.9.2017: Gimme Shelter. “The 500 Greatest Songs of All Time” (rollingstone.com): Gimme Shelter. Ernst Hofackers “Die 70er”: Gimme Shelter. Selbst auf späteren Stones-Reissues von Let It Bleed wird dem kuscheligen kleinen zweiten i ein behaglicher Platz im Titel verwehrt (auf noch späteren dann wieder nicht, den neuesten Versionen von 2020 dann wieder doch). Gib mir Schutz! Für das tapfere kleine zweite i schien das nicht zu gelten. Herzlos wurde es ein ums andere Mal aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Mit diesem Geheimwissen im Gepäck kann man ziemlich sicher sogar noch vor Lesern der kleinen Aufklärungsfibel “Rolling Stones für Klugscheißer” (Klartext Verlag) den Oberklugscheißer geben. Wahrscheinlich wird niemand von denen von dem kleinen zweiten i wissen, denn das Exklusivwissen auf laermpolitik.de wird nur von genau fünf Menschen geteilt: Gereon, Thomas, Thomas bestem Freund, dir und mir. A small ragged company, my friend.

Es gibt zwar schon etwas, das Gimme Shelter heißt, aber es ist ein Film. Das kleine zweite i ist zu jung für diesen Film, deswegen muss es draußen bleiben. Es ist ein Film über die Rolling Stones. Ein Film, der zum Thema des Songs wurde: Schutz suchen, um Deckung bitten. Mord ist nur einen Schuss entfernt. Im Film sieht man, wie jemand keine Deckung findet und stirbt.

Gimmie Shelter eröffnet Let It Bleed. Ein Gitarrenmotiv kommt vorsichtig näher, tastet sich in das Spannungsfeld von Perkussion und Drums, sucht aber gleichzeitig die Umgebung nach Deckungsoptionen ab. Schließlich folgt es einem unwirklichen Chor. Einem Chor, der versteht in welcher Lage wir uns im Augenblick befinden. Man merkt es an dem traurigen Unterton. Das Gitarrenmotiv weiß eigentlich gar nicht, ob es einen Chor hört oder nur eine einzelne weibliche Stimme. So ähnlich müssen die Gesänge geklungen haben, die Homer ins Verderben führen wollten. Hier aber schaffen sie Vertrauen und enttäuschen es nicht. Die Stimmen geben einen schmalen Grad vor, sind auf der Seite des Songs. Sie geben Halt und Ermutigung, aber sie beschönigen nichts. Das Terrain bleibt gefährlich. Schwere Drums setzen ein, bassige Frequenzen kommen dazu. Sie lassen den Himmel nicht in Ruhe, sie bringen den Boden in Erschütterung, wie die Ausläufer fortgepflanzter Detonationen in der Ferne. Man hört das dunkle Grollen eines Sängers: „Uummh, a storm is threatening / My very life today / If I don‘t get some shelter / Oh yeah I‘m gonna fade away“.

Michael Philip Jagger singt gut, aber Merry Clayton ist ganz groß. Das könnte eine sehr emanzipatorische Geste von ihm gewesen sein: Als ein Sexismen und Machismen nicht abgeneigter Mann nicht nur zuzugeben, Schutz zu suchen, sondern diese Schutzsuche auch noch von einer ebenbürtig positionierten Frau mitsingen zu lassen, die einiges mehr an Soul-Power in der Stimme hat. Die Beatles wirkten dagegen zu der Zeit wie ein reiner Männerverein, der sich von einer Frau bedroht fühlte. Vielleicht konnte Jagger seine eigene Schutzsuche aber auch dadurch wieder relativieren, indem er eine ebenfalls Schutz suchende Frau an seiner Seite platzierte. Das könnte man ihm wieder anti-emanzipatorisch auslegen, so als dürften Männer alleine keine Angst haben. Ich finde aber, der Song hat ein gutes Gleichgewicht der Geschlechter gefunden. Jagger nimmt sich mehr Raum, aber Merry Clayton nutzt ihren im Gegenzug besser aus, weil sie eben einfach die überwältigendere Singstimme hat.

Mit Let It Bleed begann dann auch die Phase, wo die Stones ihren Sound erweiterten, indem sie sich Hilfe von Außen holten, andere Musiker in ihr Bandkonzept einfügten. Sei es die Einbindung von Bläsern, Chören, Old Time-Elementen, Ry Cooder oder eben Merry Clayton. Es waren gute Entscheidungen, die da getroffen wurden. Diese Einbindungen gingen vorher sicher auch schon vonstatten, aber beim Vorgängeralbum Beggars Banquet schien mir die Neuerfindung der Stones als zusammenstehendem erdverbundenen Haufen with a sense of pop satire nach ihrem recht planlosen (aber – im richtigen Mix gehört – durchaus hochinteressanten) psychedelischen Biest “Their Satanic Majesties equest” doch im Vordergrund zu stehen. Sie mussten sich erst wieder einen Sender bauen, weil sie sich vorher etwas versendet hatten. Let It Bleed öffnete sich dagegen mehr in Richtung Erweiterung der Möglichkeiten durch zusätzliche Mitstreiter. Das spiegelte sich auch in der Produktion: Weniger dicht gedrängt die Kerngruppe stärkend wie bei Beggars Banquet, dafür expansiver, offener, zur Teilhabe einladend.

Nochmal im Speziellen zu Gimmie Shelter: Ich kann mich eigentlich kaum an einen Song erinnern, bei dem Charlie Watts an den Drums sitzt, der so swingt und treibt, so elastisch und elegant wirkt, obwohl der Beat eigentlich relativ behäbig ist. Daran kann man immer gut eine tolle Rhythmusarbeit erkennen: wenn es schneller wirkt, als es ist, man als Hörer das Rätsel aber nicht lösen kann, warum eigentlich. Ähnlich gut wie It’s Only Rock’n’Roll (der Song), aber da war ja auch nicht Watts an den Drums.

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2. Love In Vain

Ich dachte lange Zeit, Mick Taylor würde die Slide spielen, dabei ist es Keith Richards. Vielleicht steht sie deswegen so im Ton, ohne Firlefanz zu machen. Wie es sich eben ergibt, wenn die Sehnsucht sehr direkt einfach da ist, immer und unveränderlich immer gleich schlimm. Da darf eine Slide keine Schnörkel spielen. Jedenfalls eine außerordentlich gute Leistung an der Sehnsuchtsgitarre. Wie überhaupt hier alles großartig ist. Jagger in echter Leidensform, Watts sehr präsent, aber nichts erdrückend, die Mandoline von Ry Cooder: Perfekt, bewegend, lyrisch. Und an dieser Stelle sowieso ein Extralob an Richards, der für Let It Bleed die allermeisten Gitarrenparts alleine wuppen musste und das mit Bravour löste. Ich möchte keinen seiner Beiträge auf dem Album von einem Schönerspieler zugrundeverschönert hören. Insofern ein Glück, dass Mick Taylor noch keinen großen Anteil am Bandgefüge hatte. Womit ich seine späteren Leistungen für die Band nicht schmälern möchte.

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3. Country Honk

Country Honk gelingt es, eine Old-Time-Fiddle richtig gut klingen zu lassen, was beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Eine fiddelige Fiddle kann manchmal nämlich echt ganz schön nerven. Selbst auf über jeden Zweifel erhabenen Zusammenstellungen wie Harry Smiths Anthology Of American Folk Music oder diversen Alben auf American Folkways nerven Fiddles nicht zu knapp. Es ist nicht ihre kratzige, raue Drone-Wirkung, die nervt (im Gegenteil, diese Wirkung begrüße ich), sondern die Penetranz, mit der sich auf einigen Old-Time-Tracks die Fiddle Alphatier-mäßig in den Vordergrund fiddelt. Tatsächlich gibt es in der Old-Time-Musik den Begriff des „Alpha Fiddlers“. Allerdings ist es auf Country Honk bestens gelungen, die Fiddle melodiös und treibend zugleich zu machen, ohne dass sie das Gesamtbild über Gebühr dominiert. Der ruffe Fiddle-Charme ist zwar dafür rundgeschliffen worden, aber in diesem Fall war das eine sehr gute Entscheidung.

Insgesamt ist Country Honk ein lustiger Haufen primitiver Folkmusik, gespielt von Menschen, die nicht so genau wissen, ob sie einen lustigen Haufen primitiver Folkmusik wirklich spielen können, ohne sich gleichzeitig über diejenigen lustig zu machen, die sonst als lustiger Haufen primitive Folkmusik spielen. Das alte Problem von Jagger, wenn er sich an Countrymusik-Spielarten versucht: Er muss immer ein ironisches Hintertürchen einbauen. Selbst bei Dead Flowers auf Sticky Fingers. Es zeigt aber umgekehrt auch, dass er das Thema durchaus sensibel angeht und um seine Unsicherheit darin weiß. Einige der besten Stücke der Stones sind aus diesem Country/Folk-Umfeld entstanden. Auf Steel Wheels leider auch ein ungeheuer schlechtes, soweit ich mich erinnere. Dazu dann aber später im Jahr noch was.

****1/2

4. Live With Me

Frühes Beispiel der „Ragged Company“-Phase – wie ich sie mal nennen möchte – in der sich die Stones ab Beggars Banquet bis einschließlich Exile On Main Street öfter gefielen: Sich als Teil der abgerissenen Gesellschaft inszenierend, innerhalb derer immer mal wieder wahlweise die Teilhabe, Romantisierung, die harten, die Schatten- und die Drogenseiten abgefragt werden. Bei Live With Me geht’s um die Teilhabe („Don’t you wanna live with me?“). Die streunende Katze des Bettlerbanquetts ist erwachsen geworden, sie wird jetzt nach eigenen Entscheidungen gefragt. Zum Beispiel, ob sie dem ganzen unaufgeräumten Muff abgerissener Typen wirklich freiwillig ihr Leben widmen möchte.

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5. Let It Bleed

Nur in den Titelsong, in Midnight Rambler (als Symbol des Bösen) und jeweils einen Vers von You Can’t Always Get What You Want und Monkey Man konnte man noch den Satanistenquatsch hineininterpretieren, dem Jagger eine zeitlang anhing. Auf Monkey Man wird sogar wieder relativiert: Wir wollen doch nur den Blues spielen! Schade, dass Jagger den Quatsch wenig später für Altamont wieder aufkochte und sich in seiner Eitelkeit nicht entblödete, den Auftritt so lange hinauszuzögern, bis die Nacht anbrach, damit seine beknackten Teufelsklamotten seidig glänzend besser zur Geltung kommen würden. Let It Bleed als Song ficht das nicht an. Gutes Akustikgitarrengerüst, in das Ian Stewart ziemlich bestimmt seine Tasten schlägt. Die wiederkehrende Zeile „We all need someone …“ kehrt mir ein bisschen zu oft wieder und bremst den Track etwas unvorteilhaft aus. Gute treibende Wendung dann aber zum Ende hin, ein paar kompositorisch gelungene Schlenker in der Mitte. Auch die E-Gitarre ist schön sparsam und manchmal auch schneidend eingesetzt. Ein guter Abschluss einer nahezu perfekten ersten Plattenseite.

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LP-Seite 2

1. Midnight Rambler

Einziger Track für mich, der unvorteilhaft gealtert ist. Zum Ersten, weil mein Bedarf an psychopathischen Serienmördern in dieser an Krimkrimkrimis mit psychopathischen Serienmördern übersättigten Zeit vollkommen gedeckt ist und ich wirklich nicht noch “Bostonblut” brauche. Zum Zweiten, weil ich nicht undedingt zwingend jubelnd am Straßenrand stehe, wenn ein Mundharmonikaspieler des Weges kommt. Zum Dritten, weil mich das midnightramblerische musikalisches Motiv und dessen ausgewalzte, eher unspannende Umsetzung auf „Let It Bleed“ mittlerweile langweilt. Meinetwegen ist „Midnight Rambler“ noch spannend, wenn sie’s live so runterrocken wie auf Get Yer Ya Ya’s Out, aber mit dieser Version hier bin ich durch. Im Moment zumindest. Und dieser Moment hät schon einige Jährchen an.

Get Yer Ya Ya’s Out wird übrigens auf laermpolitik.de keine ausführlichen Behandlung angedeiht werden. Von ein paar einsamen Höhepunkten abgesehen (Love In Vain oder eben Midnight Rambler) lässt mich das dortige Live-Geschehen ziemlich kalt. Wenn die 69er-Tour so mitreißende Konzerte beinhaltet hat, warum hat die Band es dann nicht gebacken bekommen, ein einziges davon zu dokumentieren, ohne dass Mick Jagger sich nachträglich noch Gesangspassagen im Studio einzusingen genötigt sah, oder sonstwie an den Aufnahmen per Overdub herumgespielt worden ist? Aber solch nachträgliches Herumgefummele ist ihm ja auch später nicht auszutreiben gewesen. Ich erinnere mich an ein Reissue von Some Girls als Doppel-CD mit Bonustracks, die Jagger dann Jahrzehnte später noch gesanglich aufpoliert hat – mit übertrieben prononciertem Gesang, wie er sich ja immer mehr in seinen Stil eingepflanzt hat im Laufe der letzten Jahrzehnte. Keine gute Idee. Doppel-CD wurde wieder Secondhand verkauft, ohne dass Tantiemen geflossen sind. Nehmt das, Stones!

***1/2

2. You Got The Silver

Richards erster Song als alleiniger Sänger ist seit jeher einer meiner liebsten der Stones. Den Richards-Gesangsbonus, den ich immer vergebe, brauchts hier gar nicht. Falls man mich mal singen hören möchte, dann bietet sich in pandemiefreien Zeiten manchmal die Gelegenheit an einer roten Ampel in Schleswig-Holstein, wenn ich im Auto diesen Song mitsinge. Das ist nämlich auch gut an Richards: Was er singen kann, das können die meisten Menschen tonlagentechnisch auch singen, selbst wenn sie sonst nicht singen können. Wahre Folkmusik.

Wahre Folkmusik, die auch ein Herz für Besserverdienende hat. Auf Discogs sah ich eine Exklusiv-Ausgabe des Albums vom November 2020 – Limited, Special Edition, RSD-Day, handgegossen und -nummeriert und weiterem Pipapo) – für 315€ zum Verkauf angeboten. Ein „Echtheitszertifikat“ liegt bei, mit einem Zitat aus You Got The Silver: „You got my heart, you got my soul, you got the silver, you got the gold“. Ich weiß nicht, ob die betuchten Käufer die feine Ironie bemerken werden. Irgendwer jedenfalls hat sich das Gold und das Silber über den Preis von ihnen wieder zurückgeholt.

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3. Monkey Man

Atemberaubend magischer Anfang, bei dem ich es immer etwas schade finde, dass da dann irgendwann so reingerockt wird. Das dann aber wieder sehr gut, insofern ist alles verziehen. Richards findet hier feine knappe Gitarrenfiguren, die sich harmonisch nicht schnell auflösen. Watts Drumsound ist wieder großartig, wie auf der ganzen Platte. Jagger kehrt die spießig-rassistische „Affen“-Metapher, mit der sich langhaarige Männer zu der Zeit öfter konfrontiert sahen, ins Gegenteil um und feiert sein Affendasein. Ich kann das nur unterstützen. Jedes Menschentier sollte sich glücklich schätzen, ein Affe zu sein. Ich glaube ja, Monkey Man und Live With Me haben ihren Ursprung in der Their Satanic Majesties Request-Zeit erfahren, gehe darauf aber bei der erschöpfenden Durchnudelung des nämlichen Albums in dreifacher Ausfertigung nochmal näher ein. Den halben Punkt Abzug gibt es nur, weil ich gemerkt habe, dass ich doch nicht so ganz verzeihen kann, dass sie den Anfang nicht weiter ausgebaut haben. Sie hätten daraus eine Symphonie machen sollen. Und wer spielt dort unkreditiert Flöte/Oboe? Schäme mich jetzt allerdings für meine Knauserigkeit und ziehe den Abzug zurück.

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4. You Can’t Always Get What You Want

Im Prinzip kumuliert hier nochmal alles in besonders blendender Form, was Let It Bleed ausmacht: Die Einbeziehung auswärtiger Kräfte wird großartig verknotet mit einer Songidee, die in diesem Fall aus einem Zwei-Akkord-Gerüst auf der Akustikgitarre besteht, das den ganzen Song durchzieht und das kaum merklich mit knappen Funkeinsätzen auf der E-Gitarre verknüpft wird. Al Kooper brilliert an Waldhorn, Piano und ungreifbar fließfähiger Orgel. Jimmy Miller (und nicht Charlie Watts) spielt die vielleicht schönsten, vollkommen leicht und kraftvoll den Beat umspielenden Drums der Stones-Geschichte. Jagger glänzt mit beeindruckender Gesangsleistung und episodisch angerissenen Rätselversen, die sich von/über/mittels Drogen von kirsch- nach blutrot verfärben, ein paar Charaktere anreißen und dabei sicher ihre Inspiration von diesem Typen drüben aus Duluth bezogen haben. Der London Bach Chor erhaben und treibend. Die Bongos addieren großartig einen Gegenbeat. Produzent Miller knüpft hier eine gigantisch gute Textur. Ein siebenminütiges Paradebeispiel, wie Sound nicht in solistischen Einzeltaten, sondern in vertikalen Strukturen entworfen sein kann.

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Es gibt einige Gemeinsamkeiten beim Aufbau von Let It Bleed und Beggars Banquet. Wobei es oft keine Parallelen sind, sondern vielmehr Fortschreibungen und Perspektivwechsel. Aus der spätpubertierenden Revolutionsfantasie eines Mittelklasse-Jungen aus relativ sicheren Verhältnissen wird der Ernstfall mit Vergewaltigung und Mord in unbehüteten Arealen. Der Flirt mit dem in guten Umgangsformen bewanderten Teufel springt um in die gar nicht mehr charmante Geschichte eines Massenschlitzers. Die streunende Katze, die nun ernster genommen wird, habe ich oben schon erwähnt. Mit Love In Vain ist das zweite Kapitel geschrieben in der Blues-Trilogie der verlorenen Liebe, die mit No Expectations begann und auf Sticky Fingers mit I Got The Blues endet. Die zweifelnde Country-Hochzeitsburleske Dear Doctor wird durch die feierlaunige Country-Bar-Burleske Country Honk ersetzt. Jig-Saw Puzzle und You Can’t Always Get What You Want verbindet Struktur, Langstrecke und verdylanisierte Episoden-Lyrik.

Let It Bleed ist eine überzeugende Weiterentwicklung von Beggars Banquet. Hin zu mehr Offenheit, auch hin zu einer gewissen majestätischen Größe im Soundentwurf. Auf Beggars Banquet steckten sie die Köpfe zusammen, mit Let It Bleed gingen sie erhobenen Hauptes vor die Tür.

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(Reihe wird fortgesetzt)

Bewertung: * (schlecht) – ***** (gut)

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