Meine kleine Serie „Musik in 2010“ nenne ich um in „Musik in 2010 für 2011“. Warum? Weil erstens im Januar 2011 auch Musik vor Januar 2011 gehört werden muss, denn man kann ja zu diesem frühen Zeitpunkt des Jahres nicht schon nur Musik aus 2011 hören – die Auswahl wäre viel zu klein. Zweitens will am 16. Januar 2011 kein Mensch mehr einen Text lesen, der sich ausschließlich vergangenheitsorientiert mit „Musik in 2010“ beschäftigt. Ist doch total unaktuell! Drittens klingt „Musik in 2010 auch für 2011“ etwas holpriger und damit auch etwas charmanter.
Von der schneidend-dünnen Fuzz-Punk-Gitarre zur volltönenden Harfe ist es nur ein kleiner Schritt, abgesehen davon, dass es irrsinnig lange dauert, eine Harfe zu stimmen. Der Harfenist Rhodri Davies hat nicht nur das Stimmen einer Harfe thematisiert, sondern sogar gleichzeitig den Wunschtod einer jeden richtigen E-Gitarre – auf der Bühne zerlegt zu werden – seiner Exklusivität entrissen und in einer quälend langen, fünfstündigen Performance eine Harfe gefoltert, indem er ihre 47 Saiten nacheinander kappte und anzündete, um sie sodann wieder neu zu bespannen (Performance Cut and Burn, Installation Room Harp, Hatton Gallery, Newcastle upon Tyne). Der Harfenistin Joanna Newsom liegt derlei Zerstörungswerk fern, komponiert sie doch in der Regel Musik, die gut zu ihrem Background als Tochter einer kalifornischen Intellektuellenfamilie passt.Die Lücke im Ton fordert Konzentration – diese alte Faustregel (die ich mir gerade ausgedacht habe) findet auf „Have One On Me“ ihre Bestätigung. Wer aber hat noch die Zeit, sich ein langgezogenes, über große Strecken refrainloses Werk anzuhören, das zudem nicht selten harft, harft und nochmals harft? Jeder – vorausgesetzt man kappt alle binären Zeitfresser-Accounts und zwingt sich mental entkleidet und offline in Joanna Newsoms Musik hinein. Zum simplen Drüberhören, während man gleichzeitig 140 Twitter-Zeichen vollplappert, ist „Have One On Me“ nicht gemacht. Warum auch in einem Satz sagen, was man in einem Roman ausdrücken kann? Und so ist „Have One On Me“ ein Zeitschenker-Album, von dem ich mich immer wieder gerne in den Mono-Tasking-Modus zurückversetzen lasse.
Den epischen Ansatz ihrer akustischen Kunst hat Joanna Newsom übrigens maßgeblich unter dem Einfluss von Roy Harpers „Stormcock“ (1971) entwickelt, ihr „favourite record of all time“, wie man in der WIRE lesen konnte. Flugs besorgte ich mir besagtes Album und konnte sofort verstehen, warum die Newsom so wählte: Harper entwickelt auf „Stormcock“ lange, mit Akustikgitarre grundierte Songs, an entscheidenden Stellen mit Streichern, Gesangsschichten oder einem Jimmy-Page-Solo beschickt. Harpers Stimme ist kräftig und modulationsfähig. Sie erinnert zum einen in den etwas höheren Tonlagen an David Bowie, wie der zu „Hunky Dory“–Zeiten manchmal stimmlich zum Drama ansetzt, dann wieder verliert sie sich ähnlich instinktsicher und konzentriert, wie es Tim Buckley in seinen strafferen Stücken vermochte. Kann sich noch jemand an den Gesang auf „Have A Cigar“ von Pink Floyd erinnern? Das ist Roy Harper. Das Songwriting ist vom Feinsten, keine Sekunde ist hier trotz der Länge der vier Songs – keins unter sieben Minuten – überflüssig. Ganz tolles Album. Es kann doch immer wieder sehr lohnend sein, Einflüsse geschätzter Kunstschaffender wie Joanna Newsom zurückzuverfolgen. Musikbeispiele auf einschlägigen Portalen.
Teil vier folgt demnächst in diesem Kino. Dann mit vielen Kurzfilmen, statt mit wenigen Spielfilmen wie bisher. Unter anderem dabei: Neil Young und Überraschungsgäste.
