26/07/2021

NEIL YOUNG unten am fluss

[Everybody Knows This Is Nowhere] 1969 | NEIL YOUNG with CRAZY HORSE |

Bevor das erste Stück – Cinnamon Girl  – von Everybody Knows This Is Nowhere auf der italienischen Pressung startet,  hört man das laute Intro-Riff schon ganz leise vorher. Wie ein Echo, das vor dem Knall kommt. Das passiert wahrscheinlich deswegen, weil die Rille so eng aneinander liegt, das in ihr schon Informationen vorhallen, die eigentlich erst in der nächsten Plattenumdrehung zu hören sein sollten. Sie kommen aus der Zukunft, wenn man so will. Sie bereiten vor auf das, was dann kommt.

Ich habe Down By The River immer als Parabel verstanden über den Impuls, das zu zerstören, wonach man sich am meisten sehnt, ausgerechnet in dem Moment, in dem die Sehnsucht wahr zu werden droht. Aus diesem Stoff werden große Romane und Theaterstücke geschrieben. Shakespeare, der die Geschehnisse der menschliche Psyche ganz tief unten am Grund des Flusses zu beleuchten imstande war, muss das einfach thematisiert haben, auch wenn mir gerade kein Beispiel dazu einfällt (vielleicht steckt etwas davon in Othello, der, von eingeimpfter Eifersucht angestachelt, seine geliebte Desdemona erdrosselt). Im Film ist es John Wayne, der in The Searchers von John Ford von rastloser Sehnsucht (nach Rache oder nach Liebe, wer kann das schon sagen) getrieben wird und in dem Moment, wo sie sich erfüllen könnte, weiterzieht und weiter zerstört. Die unübertroffene musikalische Königsversion davon ist für mich jedenfalls Down By The River:

Be on my side, I’ll be on your side, baby  / There is no reason for you to hide / It’s so hard for me staying here all alone / When you could be taking me for a ride. / Yeah, she could drag me over the rainbow, send me away / Down by the river I shot my baby / Down by the river, Dead, oh, shot her dead.

Die neun Minuten pendeln zwischen der Sehnsucht, der sie zerstörenden Tat selbst und dem Bedauern danach hin und her, und nehmen jede Facette zwischen den Pendelenden gleich mit. Eine moderne Mordballade für die Ewigkeit.

Jeder Song ein Klassiker für mich: Die 10 Minuten Crazy Horse Wahnsinn „Cowgirl In The Sand“; das fließende, noch an Buffalo Springfield erinnernde The Losing End – falls sie sich mehr in Richtung Country getraut hätten; das flehende Running Dry mit der unglaublich bittenden (fast bettelnden) Fiedel; der Titelsong, der noch einmal an die Westcoast erinnert – der einzige halbwegs unschuldige Song auf der Platte; Round & Round, der zeigt wie schwer es ist, eigene Illusionen zu überwinden – und mit wieviel ausbremsender Anstrengung es verbunden ist, die Tränen unter der Oberfläche zu halten.

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