28/11/2020

SAVOY GRAND: teil 2 – nahe kommen


SAVOY GRAND: accident book

2009

(Fotos: Stephan. ueberzahl.net. Danke!)

Was bisher geschah: Nachdem der Audioforscher Ahrensfeld lange Zeit hindurch seine Beobachtungen der Spezies Savoyus Grandus aus respektabler Entfernung versah, entschied er sich nun, nach Jahren des stillen Studiums, der faszinierenden Erscheinung einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Er pirschte sich vorsichtig an Savoyus Grandus heran, durchbrach den inneren Bannkreis und kam dem scheuen Wesen näher als er es bisher je gewagt hatte. Er hielt den Atem an, als er nur noch fünf Armeslängen vom Forschungsobjekt entfernt war. Vorsichtig setzte er seine Ohrapparatur zur Verstärkung akutischer Signale auf und lauschte.

Nee, jetzt mal Scherz beiseite. Ich habe mir tatsächlich „Accident Book“ konzentriert reingezogen, und bin zu der Überzeugung gelangt, ihr bisher zugänglichstes und trotzdem dadurch nicht minder beeindruckendes, an düsteren (klar) und erhellenden (das war nicht so klar) Momenten reiches Album vorliegen zu haben. Songstrukturen, Melodiebögen, Stimmungen erschließen sich leichter. Anders als bei den Vorgängeralben habe ich den Eindruck, sofort Zugänge zu finden, mich nicht einhören zu müssen. Es wirkt attraktiv, in die Nähe dieser Platte zu kommen, auch wenn das Wetter/Gemüt gerade nicht regnerisch ist.

Die drei Einstiegssongs machen es leicht: „A Good Walk Spoiled“ überrascht und überzeugt durch ein auf dem Keyboard gespieltes Trompetenmotiv und ein dunkel rollendes Klavier. Allesamt Einsamkeitsmotive: „When he gets home/ you’re still alone“. „Day Too Long” hat einen Refrain, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Up in the morning out in the light/ you won’t remember most of this life/ try to hold on/ to things that are truth/ I’m not a fighter/ I won’t fight you. Dazu einen steten, etwas stotternden Groove, der manchmal wieder aufreißt, wie ein Wetterumschwung. Das dritte Stück – „Fourcandles“ – beginnt traurig mit Oboe, erhellt sich dann aber, nachdem es noch einmal tief Atem holt: Ein schnelles Trommelmotiv, es geht um Veränderungen, um hinter sich Gelassenes.

Das heißt nicht, dass hier nicht auch Traurigkeit ein rauchendes Gewehr ist. Zum Beispiel „The Undertaking“ und „The Plan“ sind wieder Standbild-artig konzipierte Songs der eingefrorenen Erinnerungen an Sehnsüchte, verwunderte Erkenntnisse und möglicherweise falsche Entscheidungen. „The Doctor’s Teeth“ ist so ein typischer Savoy-Grand-Schleicher, mit Akustikgitarre und Standbass. Ein beeindruckendes Beispiel für die epische Seite der Band ist „Last Night On Earth“. Eine langgezogene Savoy-Grand-Etüde wie man es fast erwartet (und sich fragt, wieso es immer wieder klappt). Es geht ums Warten, nicht ums Plappern. Das kann man nicht twittern (ja, hab ich geklaut, schon klar), das passt in keine Messagebox. Zum Ende hin läuft der Track aus wie ein gerade trockengelegtes Flussbett. Man trifft sich noch auf einen Black-Earth-Drink im Bohrenclub.

Erstaunlich, was mit genau gesetzten Gitarren- und Bassfiguren, einer meist sparsam platzierten Trommel und dem ein oder anderen Überraschungsgast (Oboe, Keyboard) immer noch alles möglich ist – ohne in plakativem Wüstenambient (a la Calexico oder Friends Of Dean Martinez) abzudriften oder irgendeinen Doom-Kontext mehr als nur zart anzudeuten. Ein derartiger Image-Filter, der den Blick verzerren könnte, scheint mir bei Savoy Grand nicht vorhanden zu sein. In der Art und Weise, wie Savoy Grand ihren Weg in den genauen Zusammenklang einzelner Töne finden, bleiben sie daher (für mich) einsam in ihrer eigenen Liga.

Als Kontext dient ihnen scheinbar einfach ihr Lebensumfeld, dessen Umstände und kleinen Begebenheiten mit großer Wirkung, und die Folgen, die eigenes oder fremdes Handeln auf den Fortgang der eigenen persönlichen Geschichte haben. Falls man überhaupt von einer Chiffre, einer Kodierung sprechen kann, dann ist es diejenige der literarischen (und korrespondierend dazu der musikalischen) Aussparung, der Poesie, also des Gedichts. Wie schwer es ist, Geschichten dem Leben abzuringen, sie durch Aussparung zu verdichten und nur mit den allernotwendigsten Tönen auszustatten – zumindest wenn man großen Wert auf präzise Umsetzungen legt – zeigen ihre langen und unregelmäßigen Veröffentlichungszyklen.

Höhepunkte sind für mich diejenigen Songs, die neue Nuancen zum bisherigen Schaffen addieren, nicht weil die anderen, typischen Savoy Grand-Songs auf „Accident Book“ schlechter sind (sie gehören zum Besten, soweit ich das beurteilen kann, aber ich bin mir da ziemlich sicher), sondern weil sie eben wieder einen anderen Blick zulassen, vielleicht sogar erst der Grund sind, warum sich die Band entschlossen hat, sich wieder einmal zu melden: Ein paar Ereignisse sind neu hinzugekommen, sie haben kleine Perspektivwechsel hervorgerufen. Der Blickwinkel ist etwas freundlicher und offener. Die künstlerische Umsetzung so sorgfältig wie ehedem. Es fällt schwer, unter dem Eindruck ihrer nach wie vor sehr ernsten Kunst in euphorischen Superlativen zu schwelgen. Für diese Art der Musik scheinen mir solche Begriffe abgenutzt und profan. Ich höre keinen Schwachpunkt auf „Accident Book“. Keinen einzigen.

SAVOY GRAND accident book /// VÖ 27.11.2009

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